Sie ging in ihre Kemenate, 1450
Wo ihre Frauen lagen.
Als die sie kommen sahen,
Waren sie all’ in Sorgen:
Es war doch früh am Morgen.
Sie hatte grosses Ungemach; 1455
Bedeutungsvoll sie sprach
Zu ihrer Schwester Annen;
Die führte sie von dannen
In ihre Kemenate wieder.
Sie fiel am Bette nieder 1460
Und klagte ihr ihr Ungemach,
Wie sie die ganze Nacht
Schlaflos geblieben war.
Sie seufzte tief fürwahr,
Gar traurig war ihr Sinn, 1465
Sie sprach: “Mein’ Ehr’ ist hin.”
“Fraue Schwester Dido,”
Sprach Anna, “wie denn so?
Sagt, was ist Eure Not?”
“Schwester, ich bin fast tot.” 1470
“Erkranktet Ihr? Zu welcher Stund’?”
“Schwester, ich bin ganz gesund,
Doch kann ich nicht genesen.”
“Schwester, wie mag das wesen?
Ich meine, Frau, ‘s ist Minne.” 1475
“Ja, Schwester, zum Wahnsinne.”
“Warum betragt Ihr Euch also,
Liebe Fraue Dido?
Was wollt Ihr so verderben?
Ihr dürft nicht an Minne sterben. 1480
Ihr mögt sehr wohl genesen
Und nachher glücklich wesen.
Es ist kein Mann auf Erden,
Der nicht Euer könnte werden,
Der nicht froh wär’ Eurer Minnen; 1485
Ihr sollt Euch bass besinnen.”
Da versetzte Frau Dido:
“Es steht mir nicht also.
Wahr ist es in der Tat,
Ich sollte finden andern Rat; 1490
Ich tät’ es, wär’s in meiner Wahl.
Ihr wisset, dass ich dem Gemahl
Sicheus gelobte und verhiess,
Der mir ein gross Gut hinterliess
Und auch grosse Ehr’, 1495
Dass ich nun nimmermehr
Einen Mann würde nehmen,
Was für Freier immer kämen.”
Da sprach aber Anna:
“Ihr redet von dem Manne 1500
Allzuviel und ohne Not.
Er ist seit vielen Tagen tot.
Wo steht denn Euer Sinn?
Wie hätte er Gewinn,
Wenn Ihr jetzt verdürbet 1505
Und törichterweise stürbet?
Ihr braucht nicht Euer Leben
Seinetwegen zu vergeben.
Er könnt’ es Euch nicht lohnen.
Ihr sollt Euch selber schonen. 1510
Die Rede, die Ihr tut,
Sie ist ja gar nicht gut.
Lasst solche Rede sein
Und folgt dem Rate mein;
Das ist grössere Weisheit. 1515
Sagt mir nur die Wahrheit:
Wer ist der selige Mann,
Dem Gott es gönnen kann,
Dass Ihr ihn wollt minnen?
Das gebt mir zu besinnen. 1520
Ich will Euch raten dann
So gut, wie ich es kann,
Weil ich Euch Gutes gönne.
Ob ich so raten könne,
Dass Ihr damit gedienet seid? 1525
Nun sagt es mir, es ist ja Zeit.”
Sie sprach: “Ich will’s nicht hehlen.
Ich will Euch jetzt befehlen
Ehre so wohl als Leben.
Ihr sollt mir Rat drauf geben. 1530
Es ist,” sprach sie, “ein Mann,
Dem keiner gleichen kann.
Ich muss verraten seinen Nam’
Trotz meiner grossen Scham;
Das Nennen tut mir weh. 1535
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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