“Und sollte das nun nicht geschehen, 2230
Ich liess ihr eher meinen Leib.”
“Sie sollt’ Euch töten? Sie, ein Weib?”
“Sie hat ja doch ein starkes Heer.”
“Oh, Ihr genest wohl ohne Wehr.
Ich hab’s von ihr mit Sicherheit, 2235
Dass Euch in keiner Weise leid
Von ihren Händen soll geschehen;
Sie wünscht Euch nur allein zu sehen.
Ihr müsst Euch nur gefangen geben;
Es geht Euch anders nicht ans Leben.” 2240
Er sagte: “Sie holdseliges Weib!
Ich will es gern, dass dieser Leib
Auf immer ihr Gefangener sei,
Und dass mein Herz sei auch dabei.”
Jetzt stand er auf und ging dahin, 2245
Ein seliger Mann mit frohem Sinn,
Und ward kühl aufgenommen.
Als er vor sie gekommen,
Begrüsst’ ihn weder Wort noch Neigen.
Ihr langes, langes Stilleschweigen 2250
Begann ihm endlich sauer zu werden;
Er wusste nicht sich zu gebärden.
Er blieb in weiter Fern’ zurück
Und sah sie an mit scheuem Blick.
Da beide schwiegen, sprach die Magd: 2255
“Herr Iwein, warum so verzagt?
Lebt Ihr und habt Ihr einen Mund?
Ihr redetet vor kurzer Stund’;
Jetzt werdet Ihr ganz stumm.
In Gottes Namen, sagt warum 2260
Ihr meidet ein so schönes Weib.
Weh dessen unglücksel’gem Leib,
Der ohne Dank je einen Mann,
Der doch geläufig sprechen kann,
Zu einer schönen Frau geleitet, 2265
Die er dann anzureden meidet!
Rückt ihr nur näher ohne Scheu!
Ich sage Euch bei meiner Treu,
Sie wird Euch doch nicht beissen! Traun!
Fügt man dem andern solches Graun, 2270
Wie ihr von Euch geschehen,
Und will man Gnade sich versehen,
Dazu gehört ein besserer Lohn.
Ihr habt den König Askalon,
Den ihr so lieben Herrn erschlagen: 2275
Könnt Ihr auf Gunst zu hoffen wagen?
Ihr steht in grosser Schuld;
Nun werbt um ihre Huld!
Wir wollen sie beide bitten,
Dass sie, was sie erlitten, 2280
Geruhe zu vergessen.”
Jetzt ward nicht mehr gesessen.
Er warf sich ihr zu Füssen
Und bat um holdes Grüssen
Als schuldbelad’ner Mann. 2285
Er sprach: “Ich mag und kann
Euch Besseres nicht bezeigen
An Ehr’ und treuem Neigen
Als wenn ich sage: Richtet mich!
Was Ihr mögt wollen, das will ich.” 2290
“Wollt Ihr denn alles, was ich will?”
“Ja wohl; es dünkt mich nicht zu viel.”
“So nehm’ ich Euch vielleicht den Leib.”
“Wie Ihr gebietet, holdes Weib.”
“Nun ja, was soll ich reden lang? 2295
Da Ihr Euch ohne jeden Zwang
In meine Macht ergeben,
Nähm’ ich nun Euch das Leben,
Es ziemte nicht dem Weibe.
Glaubt aber nicht bei Leibe, 2300
Dass es aus Wankelmut geschehe,
Wenn ich Euch jetzt, wie ich gestehe,
Nur allzu früh empfang’ in Gnade.
Von Euch entstand mir solcher Schade,
Dass, stünd’ es mir um Ehr’ und Gut, 2305
Wie es den meisten Frauen tut,
Ich sicherlich nicht wollte,
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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