So fuhr denn nach der Stadt Salern
Die treue Magd mit ihrem Herrn. 1005
Es trübt des Herzens Fröhlichkeit
Nichts mehr, als dass der Weg so weit,
Dass ihr so lang das Licht noch schien.
Und als er sie gebracht dahin,
Wo er den Meister wohlbekannt, 1010
Wie er gedachte, wiederfand,
Ward’s dem gar fröhlich angesagt,
Gefunden wäre jetzt die Magd,
Die einst er ihn gewinnen hiess.
Zugleich er ihn sie sehen liess. 1015
Den däuchte das unglaublich schier.
Er sprach: “Mein Kind, und hast du dir
Solch Willen wohl auch klar gemacht?
Wie? Hat zu dem Entschluss gebracht
Dich Wunsch und Drohung deines Herrn?” 1020
Die Jungfrau sprach, sie tu’ es gern
Aus ihrem eignen Herzen sei
Der Wunsch gekommen, frank und frei.
Gross Wunder däucht’ ihn das, und fern
Nahm er besonders sie vom Herrn 1025
Und fragt’ sie auf die Seligkeit,
Ob nicht ihr Herr in seinem Leid
Solch Reden hätt’ ihr aufgedroht.
Dann sprach er: “Kind, es ist dir not,
Dass du dich mehr noch kümmerst drum, 1030
Was dir bevorsteht--hör’, warum.
Wenn du den Tod nun leiden musst
Und nicht von Herzen gern es tust,
So ist dein junges Leben hin
Und bringt doch keinen Deut Gewinn. 1035
Verschliess’ vor mir nicht deinen Mund.
Was dir geschieht, tu’ ich dir kund.
Ich muss dich ausziehn, nackt und bloss;
Da wird die Pein der Scham dir gross.
Ich binde dich an Bein- und Armen; 1040
Fülst du mit deinem Leib Erbarmen,
Bedenke, Mädchen, diese Schmerzen!
Ich schneide dich bis tief zum Herzen
Und reiss’ es lebend noch aus dir.
Nun, Mädchen, sprich und sage mir, 1045
Wie es mit deinem Mute steh’;
Geschah noch keinem Kind so weh,
Als dir von mir nun muss geschehen.
Dass ich es tun muss und es sehen,
Das macht mir Angst und Not genug. 1050
Bedenk’ nun selber bei dir klug:
Gereut dich’s auch nur um ein Haar,
So hab’ ich meine Arbeit gar
Und du den jungen Leib verloren.”
So ward um alles sie beschworen, 1055
Dass fern sie bleibe solcher Pflicht,
Wär’ felsenfest ihr Wille nicht.
Die Jungfrau aber lachend sprach,
Da sie erfuhr, dass an dem Tag
Ihr helfen sollte noch der Tod 1060
Aus aller Welt- und Erdennot:
“Gott lohn’ Euch, lieber Herr, dass Ihr
So ganz und gar und treulich mir
Die volle Wahrheit habt gesagt.
Nun bin ich wahrlich doch verzagt: 1065
Ein Zweifel mir das Herz erregt;
Euch sei’s geklagt, was mich bewegt.
Mir bangt jetzt, unser Unternehmen
Möcht’ Euer zager Mut noch lähmen,
Dass es vielleicht gar unterbleibe! 1070
Eu’r Reden ziemte einem Weibe.
Ihr seid des Hasen Spielgenoss,
Und Eure Angst ist viel zu gross
Um mich, dass ich nun sterben soll.
Wahrhaftig, Herr, Ihr tut nicht wohl 1075
Bei Eurer grossen Meisterschaft.
Ich bin ein Weib, doch hab’ ich Kraft.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
Reviews
Reviews
No reviews yet
Be the first to share your thoughts on this work.
Elsewhere in the archive
Join the Discussion
Join the discussion
Sign in to leave a comment or review.
Sign InorCreate an account