Ich weiss es sicher wie den Tod
Und hab’s erkannt in eigner Not: 120
Wer minnt mit edlem Sinne,
Liebt Mären von der Minne.
Drum wer nach solchen trägt Begier,
Der hat nicht weiter als zu mir.
Ich künd’ ihm süsse Schmerzen 125
Von zweien edlen Herzen,
Die Liebe trugen echt und wahr,
Ein sehnend junges Menschenpaar,
Ein Mann, ein Weib, ein Weib, ein Mann,
Tristan Isold, Isold Tristan. 130
Treu, wie ich las die Kunde
Von ihrem Liebesbunde,
So leg’ ich sie mit willigem Sinn
Allen edlen Herzen hin,
Dass sie durch Kurzweil dran genesen; 135
Das ist sehr gut für sie zu lesen.
Gut? fraget ihr. Ja, innig gut,
Macht lieb die Liebe, rein den Mut,
Stählt die Treue, ziert das Leben;
Wohl kann’s dem Leben Zierden geben. 140
Denn wo man höret oder liest,
Wie Herz sich treu zum Herzen schliesst,
Da lernen die Getreuen
Sich recht der Treue freuen.
Liebe, Treue, steter Mut, 145
Ehre und manch andres Gut
Stehn nirgends so dem Herzen nah,
Sind nirgends ihm so lieb wie da,
Wo man von Herzeliebe sagt
Und Herzeleid von Liebe klagt. 150
Lieb’ ist selig allezeit,
Ein Ringen so voll Seligkeit,
Dass ohne ihre Lehre
Nicht Tugend ist noch Ehre.
Da Liebe so das Leben weiht, 155
Da so viel Tugend sie verleiht,
Ach, dass nicht alles, was da lebt,
Nach rechter Herzensliebe strebt;
Dass ich so wenig finde deren,
Die lautres herzliches Begehren 160
Um Freundes willen mögen leiden,
Nur um den armen Schmerz zu meiden,
Der bei der Lieb’ zu mancher Stund’
Verborgen liegt im Herzensgrund.
Wie litte nicht ein edler Mut 165
_Ein_ Weh für tausendfaches Gut,
Für grosse Freude kleinen Gram?
Wem niemals Leid von Liebe kam,
Dem kam auch Lust von Liebe nie:
Lust und Leid, wann liessen die 170
Im Lieben je sich scheiden?
Man muss mit diesen beiden
Lob und Ehre sich erwerben
Oder ohne sie verderben.
Von denen diese Märe kündet, 175
Hätten sie nicht treu verbündet
Um Herzenswonne sehnend Klagen
In einem Herzen einst getragen,
Es war’ ihr Name im Gedicht
So manchem edlen Herzen nicht 180
Zum Heil und lieben Trost gekommen.
Nun wird noch heute gern vernommen
Und rührt noch immer süss aufs neue
Ihre innigliche Treue,
Ihr Glück und Jammer, Wonn’ und Not. 185
Und liegen sie auch lange tot,
Ihr süsser Name lebt uns doch;
Auch soll der Welt zu gute noch
Lang ihr Tod und ewig leben,
Den Treubegier’gen Treue geben, 190
Den Ehrbegier’gen Ehre.
Die ewig neue Märe
Von ihrer Treue Lauterkeit,
Von ihrer Herzen Lust und Leid,
Ist aller edlen Herzen Brot: 195
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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