Der König sprach: “Frau Königin,
Ich lass’ es dabei gern beruhn.
Wollt Ihr uns so Genüge tun,
Wie’s Eure Rede zugestand, 15525
So gebt uns sich’res Unterpfand:
Kommt her, gelobt mit Wort und Eid
Zum Gottesurteil Euch bereit
Mit dem glühenden Eisen,
Wie wir’s Euch werden weisen.” 15530
Die Herrin weigerte sich nicht;
Sie schwur, die Probe vor Gericht
Zu leisten nach sechs Wochen,
Wie’s ihr ward zugesprochen,
In der Stadt zu Karliun. 15535
Der Herr entliess die Fürsten nun;
Sie kehrten heimwärts insgemein.
Isolde aber blieb allein
Mit Ängsten und mit Leide,
Und es bedrückten beide 15540
Ihr Herz mit gleicher Schwere:
Angst um ihre Ehre
Und heimlich Leid, nicht minder schwer,
Dass ihre Lüge sie nunmehr
Zur Wahrheit sollte bringen, 15545
In diesem heissen Ringen
Wusste sie nicht aus noch ein,
Und darum beides, Angst und Pein,
Vertraute sie dem gnäd’gen Christ,
Der hilfreich in den Nöten ist; 15550
Der möchte sie entlasten.
Ihm mit Gebet und Fasten
Befahl sie all die Angst und Not,
Und eine List erfand Isot:
Im stillen Herzen hoffte sie 15555
Getrost auf Gottes Courtoisie
Und schrieb an Tristan einen Brief,
Der ihn nach Karliun berief,
Wie er’s auch möglich mache,
Dass, wenn der Tag erwache, 15560
An dem das Schiff dort lande,
Er frühe sei am Strande
Und da im Hafen ihrer warte.
Nun, so geschah’s: er kam und harrte
Im Pilgermantel arm und schlicht; 15565
Er hatte sich das Angesicht
Überschminkt und aufgeschwellt
Und Leib und Kleidung ganz entstellt.
Als dann Isot und Marke
Anhielten mit der Barke, 15570
Ersah ihn gleich die Herrin dort,
Und sie erkannt’ ihn auch sofort.
Und als das Schiff zu Strande stiess,
Isot den Waller bitten liess,
Wenn er nicht fürchte zu erlahmen, 15575
So möcht’ er doch in Gottes Namen
Sie tragen von des Schiffes Rand
Hinüber auf das trockne Land;
Sie wollte sich in diesen Tagen
Von keinem Ritter lassen tragen. 15580
Da riefen sie den Pilger an:
“He, kommet näher, guter Mann,
Und tragt die Herrin ans Gestad!”
Der Pilger tat, wie man ihn bat:
Er ging zu seiner Herrin hin 15585
Und trug Isot, die Königin,
Auf seinen Armen nach dem Port.
Sie raunt ihm zu mit raschem Wort,
Dass, was ihm auch draus würde,
Er unter seiner Bürde 15590
Mit ihr am nahen Ziele
Zur Erde niederfiele.
So tat er: kaum dass am Gestad
Der Waller aus dem Wasser trat
Aufs trockne Land, so strauchelt’ er 15595
Und fiel, als wär’s von ungefähr,
Und bracht’ im Fallen es dahin,
Dass er der schönen Königin
Im Arme lag an ihrer Seite.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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