Da ward ein Aufruhr im Geleite: 15600
Sie kamen gleich in Haufen
Mit Stecken hergelaufen,
Um ihm mit blauen Malen
Den Trägerlohn zu zahlen.
“Nein, nein, lasst ab!” so rief Isot, 15605
“Denn es geschah ihm nur aus Not.
Der Pilger ist so matt und krank,
Dass er vor Schwäche niedersank.”
Dafür erscholl ihr in der Runde
Ehr’ und Dank aus jedem Munde. 15610
Sie lobten’s im Gemüte,
Dass sie mit solcher Güte
Verteidigte den armen Wicht.
Sie sprach mit lächelndem Gesicht:
“Welch Wunder wäre nun daran, 15615
Wenn dieser fremde Pilgersmann
Mit mir zur Kurzweil wollte scherzen?”
So gewann sie alle Herzen,
Da sie so milde sich erwiesen,
Und Frau Isolde ward gepriesen 15620
Und hochgerühmt von manchem Mann.
Doch Marke sah das alles an
Und hörte schweigend jedes Wort.
Sie aber fuhr zu scherzen fort:
“Nun weiss ich nicht, was draus entsteht, 15625
Dass ich doch, wie ihr selber seht,
Von heut an nicht mehr schwören kann,
Dass ausser Marke nie ein Mann
Mir in den Arm gekommen,
Noch einer je genommen 15630
Sein Lager mir zur Seiten.”
So scherzten sie im Reiten,
Und war der arme Waller
Fortan im Munde aller,
Bis sie zum Stadttor zogen ein. 15635
Da waren Pfaffen viel und Lai’n,
Barone, Ritterschaft in Menge,
Gemeinen Volks ein gross Gedränge,
Bischöfe und Prälaten auch,
Die hielten da nach heil’gem Brauch 15640
Das Amt und weihten das Gericht.
Gewärtig ihrer strengen Pflicht
Harrten schon die Weisen;
Im Feuer lag das Eisen.
Die gute Königin Isold, 15645
Die hatt’ ihr Silber und ihr Gold
Und was vom Schmuck ihr war zuhanden,
Samt ihren Rossen und Gewanden
Dahingeschenkt um Gottes Huld,
Dass Gott an ihre wahre Schuld 15650
Zur Stunde nicht gedächte
Und, sie zu Ehren brächte.
So war zum Münster sie gekommen
Und hatte Messe da vernommen
Mit inniglichem Mute. 15655
Andächtig sah die Gute
Zu Gott auf, dem sie sich vertraut.
Sie hatte auf der blossen Haut
Ein rauhes härnes Hemd und dann
Ein wollnes Röcklein drüber an, 15660
Das ihr, wenn’s an ihr niederhing,
Nicht auf die zarten Knöchel ging.
Die Ärmel waren aufgezogen
Bis nahe an den Ellenbogen,
Arm’ und Füsse waren bloss. 15665
Da rührt ihr Anblick und ihr Los
Manch Herz und Auge mit Erbarmen;
Wie dürftig war das Kleid der Armen,
Wie bleich, wie trübe sah sie drein!
Hiemit kam auch der Heiligenschrein, 15670
Darauf den Schwur, sie sollte tun,
Und man gebot Isolden nun,
Ihre Schuld an diesen Sünden
Vor Gott und vor der Welt zu künden.
Sie hatte Ehr’ und Leben 15675
An Gottes Huld ergeben
Und bot ihr Herz und ihre Hand
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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