Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Darauf führte sie den hungrigen Gast in das Haus, und dieser labte sich
an den blaugesottenen Forellen und an dem kühlen Landwein, den ihm die
Schöne einschenkte. Der alte Müller kam nicht mehr zum Vorschein.
Als der Fremde im nächsten Sommer wieder in der Seebachmühle vorsprach,
trug das blonde Mädchen ein schwarzes Gewand: sie trauerte um den
Großvater, der im Obersee ertrunken war.
»In der letzten Zeit«, sprach sie mit nassen Augen, »war er ganz
verwirrt und redete immer von seiner Schwiegermutter, die er erlösen
müsse. -- -- -- Gott sei seiner armen Seele gnädig!«
/Rudolf Baumbach./
Der arme Musikant und sein Kollege.
Im Prater, dem großen öffentlichen Park der alten Kaiserstadt Wien,
wurde an einem herrlichen Sommertage ein Volksfest gefeiert, zu dem
sich Tausende von geputzten und fröhlichen Menschen eingefunden
hatten. Hier und da sah man aber auch schlecht gekleidete Bettler,
Orgelmänner, Harfenspieler, Geiger und andere verschämte Arme, die auf
milde Gaben von ihren glücklicheren Mitmenschen hofften und in der Tat
manchen Kreuzer davontrugen. Nur einem war es noch nicht gelungen, die
Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich zu lenken, obgleich er sich
die größte Mühe zu geben schien: das war ein alter grauköpfiger Geiger.
Schon lange stand er im Schatten eines hohen, breiten Baumes und
fiedelte tüchtig drauf los. Die rechte Hand, die den Bogen führte,
hatte nur drei Finger. Sein Gesicht war durch eine tiefe Narbe
entstellt. Das eine Bein war vom Knie herab von Holz. Um seine
Schultern hing ein abgetragener Soldatenmantel. Kurz, alles
kennzeichnete ihn als Invaliden, und wer ihn kannte, der wußte auch,
daß er im Jahre 1809 tapfer mitgefochten hatte in der Schlacht bei
Aspern, wo Erzherzog Karl den bis dahin unbesiegten Napoleon schlug.
Freilich genoß der Alte eine kleine Pension; da diese aber nicht zu
seinem Lebensunterhalt genügte, so hatte er sich auf die Musik verlegt,
die er sozusagen von seinem Vater ererbt hatte, denn der war ein Böhme
gewesen, und die Böhmen sind ja alle von Natur musikalisch.
Vor unserm Geiger, der sich manchmal zur Stütze an den Baumstamm
lehnte, saß aufrecht und mit des Invaliden Hut im Maule sein treuer
Pudel, um etwaige hingeworfene Geldstücke einzusammeln. Bis zur späten
Nachmittagstunde jedoch war der Hut noch ganz leer, und wenn es so
weiterging, mußten Herr und Hund sich ohne Abendbrot schlafen legen.
Da trat aus der vorbeiwogenden Menge ein fein gekleideter Herr hervor,
der den Alten schon eine Zeitlang beobachtet hatte, drückte ihm ein
Goldstück in die Hand und sprach freundlich, aber in gebrochenem
Deutsch: »Leiht mir doch Eure Geige auf ein Stündchen! Ihr seid schon
müde, und ich bin noch frisch.«
Mit einem Blick des Dankes reichte der Geiger sein Instrument dem
Fremden, denn was dieser wollte, konnte er sich wohl denken. Auch
war die Geige keine von den schlechtesten, und nachdem der Herr sie
ordentlich gestimmt hatte, klang sie fast glockenrein.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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