Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Als wir uns gesättigt hatten, führte mich der Wassermann in einen
Saal. Da standen irdene Töpfe, hundert und mehr, und in jedem Topf war
ein Ticken vernehmbar wie von einer Wanduhr. ‚Das sind die Seelen der
Menschen, die im See ertrunken sind‘, erklärte mein Wirt, und mir fuhr
ein Schauer über den ganzen Leib. Es war aber auf jedem Topf der Name
des Ertrunkenen geschrieben, und mehr als einer war mir bekannt.
Eine Woche später war Kirchtag in Seedorf, und da ich wußte, daß der
Wassermann nie einen Kirchweihtanz versäumte, so schloß ich daraus, daß
er an diesem Tage nicht zu Hause sein werde. Also salbte ich meinen
Leib mit dem zauberkräftigen Öl und tauchte in den See, denn als
Christenmensch hielt ich’s für meine Pflicht, die gefangenen Seelen zu
erlösen. Glücklich fand ich den Weg zu dem Haus des Wassermanns und kam
in den Saal, wo die Töpfe standen. Wie Luftblasen stiegen die armen
Seelen in die Höhe, als ich die Deckel hob, und ich hob sie alle bis
auf einen. Dann sperrte ich in jeden Topf einen Fisch und machte, daß
ich auf das Trockene kam.
Am nächsten Abend, als der Mond ins Wasser schien, legte ich mich auf
die Lauer. Da sah ich ihn, den Wassermann meine ich, wie er mit einer
Weidenrute ingrimmig in den See schlug; dazu schrie er:
‚Forelle, Hecht und Aal,
Packt euch allzumal!
Fort, ihr Seelenfresser,
Fort aus meinem Gewässer!‘
Ich schlich mich näher heran und sah, wie die Fische, die blinkenden
Rücken aneinandergedrängt, den Bach hinunterflohen bis in den Untersee.
Und seit jenem Tag ist der Obersee leer von Fischen. Der Wassermann
duldet in seinem Gebiet keinen einzigen mehr, weil er meint, sie hätten
ihm die Seelen aufgefressen. Über den Untersee aber hat er keine
Gewalt; das macht der Bildstock am Ufer.«
»Und ist der Wassermann nicht hinter Eure Schliche gekommen?« fragte
der Fremde.
»Das fürchte ich eben«, versetzte der Alte. »Und ich hüte mich wohl,
dem Obersee nahe zu kommen. Aber es hilft alles nichts. Einmal muß
ich doch noch hinunter, um die letzte Seele zu befreien, die ich damals
vergessen habe.«
[Illustration: /Die befreiten Seelen./]
»Was war das für eine Seele?«
Der Alte stockte. Endlich sprach er scheu: »Es war die Seele einer
bitterbösen Frau, und weil sie mir das Leben zur Hölle gemacht, bevor
sie im See ertrank, so wollte ich sie noch eine Weile in dem Topf
zappeln lassen.«
Der Stadtherr schauderte. Der alte Müller aber erhob sich von seinem
Sitz, legte den Finger auf den Mund und ging ins Haus.
Jetzt erschien auf der Türschwelle ein hübsches blondgezöpftes Mädchen
mit weißer Schürze und meldete, die Fische seien angerichtet. »Gelt,«
setzte sie hinzu, »der Großvater hat Euch allerhand närrisches Zeug
erzählt? Der Arme ist vor zwei Jahren in das Mühlenwehr geraten und mit
knapper Not herausgezogen worden. Seit der Zeit ist es hier« -- sie
tippte mit dem Finger auf die Stirn -- »nicht ganz richtig mit ihm,
aber er tut niemandem etwas zuleide.«
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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