Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises — John Shaqi
Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
Sobald der Köhler heimkehrte, erzählte ihm seine Frau von dem vornehmen
Gast und zeigte ihm das Geschenk. Aus der Beschreibung, die sie ihm
von dem hohen Herrn machte, schloß der Köhler ganz richtig, daß es der
Fürst des Landes gewesen war, und sagte: »Es freut mich ungemein, daß
ihm die Erdäpfel wie Eidotter geschmeckt haben, doch ein Wunder ist es
nicht, denn bessere wachsen nirgends auf der Welt als hier in unserm
sandigen Waldboden. Allein ein Goldstück für ein bescheidenes Abendbrot
und eine Nacht auf dem Heuboden, das ist allzuviel! Ich will mich
nächster Tage aufmachen und dem Fürsten einen ordentlichen Korbvoll
Erdäpfel bringen; er wird sie wohl nicht ausschlagen.«
Es dauerte keine acht Tage, so stand auch der Köhler in seinem
Sonntagsrock und mit dem Korb in der Hand vor dem fürstlichen Schloß
und begehrte Einlaß. Anfangs wollten ihn die Schildwachen und Lakaien
nicht durchlassen; er kehrte sich aber wenig daran und sagte, sie
sollten dem Fürsten nur melden, daß er ja nichts von ihm begehre,
sondern etwas bringe, und wer etwas bringe, der sei doch überall
willkommen.
So kam er denn auch wirklich in den Audienzsaal und sprach: »Gnädiger
Herr, Ihr habt neulich bei mir zu Hause geherbergt und eine Schüssel
Erdäpfel nebst einem Nachtlager auf dem Heu mit einem Dukaten bezahlt.
Das war zuviel, obschon Ihr ein großer Herr seid. Darum bringe ich Euch
noch ein Körbchen von den Erdäpfeln, die Euch wie frische Eidotter
geschmeckt haben. Mögen sie Euch wohl bekommen, und wenn Ihr wieder
einmal bei uns einkehrt, so stehen Euch noch mehr zu Diensten.«
Die Einfalt und Herzlichkeit des guten Mannes gefielen dem Fürsten gar
sehr, und weil er auch gerade bei guter Laune war, schenkte er ihm
einen Hof mit dreißig Acker Land.
Nun hatte aber der Köhler einen reichen Bruder, der neidisch und
habsüchtig war. Als dieser von dem Glück des Köhlers hörte, dachte
er: »Das könnte mir auch blühen. Ich hab’ ein Pferd, das dem Fürsten
gefällt; doch meinte er neulich, als ich sechzig Dukaten dafür
forderte, es sei ihm zu teuer. Jetzt geh’ ich hin und schenk’ es
ihm, denn hat er dem Bruder einen Hof mit dreißig Acker Land für ein
Körbchen Erdäpfel geschenkt, so wird mir gewiß noch ein viel größeres
Gegengeschenk zuteil.«
Da nahm er das Pferd aus dem Stall und führte es stracks vor das
fürstliche Schloß, ließ seinen Knecht damit halten und drängte sich
geradeswegs durch die Schildwachen und Lakaien in das Audienzzimmer.
»Fürstliche Gnaden,« sagte er, »ich weiß, daß Euch mein Pferd neulich
in die Augen gestochen hat. Für Geld hab’ ich es damals nicht lassen
wollen, aber seid jetzt so gnädig und nehmt es zum Geschenk von mir an!
Es steht schon draußen vor dem Schloß und ist ein so stattliches Tier,
wie Ihr kaum eins in Eurem Marstall habt.«
Der Fürst merkte sogleich, wo der Hase hüpfte, und dachte bei sich:
»Warte nur, du Gaudieb, dich will ich bezahlen!«
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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