Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises — John Shaqi
Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
General
Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
»Ich nehme Euer Pferd von Herzen gern an, lieber Mann,« sprach er,
»obgleich ich kaum weiß, was ich Euch dafür zum Gegengeschenk geben
soll. Doch es fällt mir eben ein, daß ich ein Körbchen Erdäpfel stehen
habe, die wie frische Eidotter schmecken und mir einen Hof mit dreißig
Acker Land gekostet haben. Damit ist Euer Pferd reichlich bezahlt, ich
hätte es ja neulich für sechzig Dukaten haben können.«
Darauf ließ der schlaue Herr dem Manne das Körbchen mit Erdäpfeln
reichen und entließ ihn in Gnaden. Das Pferd aber ward in den
fürstlichen Marstall geführt.
/Karl Simrock./
Wie der alte Hermesbauer gestorben ist.
Auf einer kleinen Anhöhe liegt der Hermeshof und schaut weit ins stille
Tal nach Zell hinab bis zur Wallfahrtskirche. In diese war der alte
Bauer, solange er noch gesund war, manchen Samstag gewandelt »der
Mutter Gottes zuliebe«, und als er krank und kränker ward, hatte er
manchmal seine Kinder in die Kapelle hinabgesandt, damit sie um eine
glückliche Sterbestunde beteten. Der Kaplan von Zell aber brachte ihm
öfters die heilige Wegzehrung. Darum fürchtete der Hermesbauer das
Sterben auch nicht.
Es war ein heißer Sommertag, als der Sensenmann auf dem Hermeshof
anklopfte, um den Bauer zu seiner Frau, die schon seit Jahren auf
dem Kirchhofe von Zell ruhte, abzuholen. Die Kinder, alle erwachsen,
umstanden das Sterbelager des Vaters. Drunten im Tal arbeiteten Knechte
und Mägde, um die Weizenernte heimzubringen. Drüben von der Kinzig her
zog ein Gewitter dem Tale zu. Schon rollte der Donner in der Ferne.
»Der Himmel selbst flammt auf, wenn Fürsten sterben«, sagt Shakespeare,
und ein deutscher Hofbauer ist auch ein Fürst. Er war es wenigstens
noch zu Zeiten des alten Hermesbauern. Der hörte im Sterben die Stimme
des kommenden Wetters und wußte, daß die Ernte drunten lag am Fuße des
Hügels.
»Ich kann allein sterben«, hub der Alte zu seinen Kindern zu reden an.
»Helft ihr drunten den Leuten Garben binden und sorgt für euer Brot zur
Winterszeit! Ich brauch’ keins mehr, ich wart’ auf den Winter drunten
im Gottesacker.«
Hinter dem uralten Kasten in der Sterbekammer stand eine alte, lange
Flinte, im Hause von jeher nur »der Brummler« genannt. Schon der Urahn
des Sterbenden hatte mit dem Brummler das Neujahr und die Kirchweih ins
Tal hinuntergeschossen. Mit ihm wollte auch der sterbende Hermesbauer
seinen Tod ansagen. »Legt mir den Brummler«, so sprach er weiter,
»geladen unters Kammerfenster und bindet ans Schloß eine Schnur! Die
gebt ihr mir in die Hand.« So geschah es, und alsdann redete der Alte
weiter: »So, jetzt geht ihr hinab und helft Garben binden, und der
Vater wartet auf den Tod. Wenn der kommt, zieh’ ich die Schnur am
Brummler. Wenn ihr den im Tal drunten hört, dann kniet nieder und betet
ein Vaterunser und ‚Herr, gib ihm die ewige Ruhe!‘ -- denn euer Vater
ist tot. Und jetzt behüt’ euch Gott! Bleibt brav, wie Vater und Mutter
es gewesen sind!«
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
Reviews
Reviews
No reviews yet
Be the first to share your thoughts on this work.
Join the Discussion
Join the discussion
Sign in to leave a comment or review.
Sign InorCreate an account