Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
General
Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
Da klopfte es wieder, und der Herr Minister trat herein und
entschuldigte sich höflich, daß er noch so spät komme.
»Endlich mal ein wirklicher Herr!« dachte der Stiefelknecht bei sich.
»Mein lieber Herr Amtmann,« sprach der Minister, »schaffen Sie mir
gefälligst bis morgen früh die Schriftstücke, welche auf diesem
Bogen hier verzeichnet stehen; ich brauche sie notwendig. Ich komme
eben vom Fürsten; er ist in der übelsten Laune, und ich habe einen
schweren Stand mit ihm gehabt. Am liebsten hätte ich sogleich mein
Abschiedsgesuch eingereicht, dann wäre ich mein eigener Herr.«
Bei diesen Worten horchte der Stiefelknecht hoch auf.
»Aber es geht nicht«, fuhr der Minister fort. »Ich darf den Fürsten,
meinen allergnädigsten Herrn, nicht im Stich lassen.«
»Was ist denn geschehen?« fragte der Amtmann erschrocken.
»Ach!« seufzte der Minister, »wir sollen Geld schaffen, viel Geld, und
alle Kassen sind doch leer. Glauben Sie mir, kein Mensch hat’s so sauer
wie ein Minister!«
»Aber wozu brauchen wir denn Geld?« fragte der Amtmann. »Sollen wir
etwa Zulage erhalten?«
»Zulage?!« rief der Minister. »Nein, sicher nicht! Eher könnte es
Abzüge geben! Der Krieg ist vor den Toren, das Heer wird auf den
Kriegsfuß gesetzt, und dazu braucht der Fürst Geld, Geld und wiederum
Geld! Der arme Herr hat keine ruhige Stunde mehr, die Sorgen lassen ihn
nicht schlafen. Kurz, es ist eine böse Zeit.«
Der Minister seufzte, der Amtmann seufzte auch; der Stiefelknecht aber
seufzte nicht. Er hatte alles mit angehört und lachte nun in sich
hinein: »Knechte, lauter Knechte! Nicht einmal der Landesfürst ist sein
eigener Herr!«
Und von dieser Stunde an war der Stiefelknecht mit seinem bescheidenen
Lose zufrieden und diente den Herren Stiefeln als geduldiger Knecht.
/Julius Sturm./
Die Wunderlampe.
Bei den Bauern oben in den Bergen wurden wir Schneider für die langen
Winterabende zumeist mit Spanlicht bedient. Das war ein ehrliches,
gesundes Licht und uns lieber als Kerzenlicht.
Wenn wir den ganzen, langen Abend bei solchen Unschlittschwänzlein
nadeln sollten, von denen volle zwölf auf ein Pfund gingen, da sagte
mein guter Meister manchmal: »Hausfrau, das ewige Lämplein in der
Kirche ist mir lieber als dein Licht da.« Dann antwortete die Hausfrau
wohl: »Meine Gießform ist leider nicht größer«, denn sie goß die Kerzen
selber.
Beim Kaufmann jedoch brannten wir größere Kerzen, von denen acht oder
sogar nur sechs auf ein Pfund gingen. Die gaben freilich einen helleren
Schein, das heißt, wenn sie ordentlich geschneuzt wurden; trotzdem
besorgten wir alle feineren Arbeiten beim lieben Tagesschein und
verschoben die gröberen Sachen auf das Kerzenlicht.
Einmal nun im Advent arbeiteten wir beim Kaufmann. Dieser kehrte
spätabends von Graz heim. Als er uns um das matte Kerzenlicht kauern
und lugen sah, klopfte er den Schnee von den Schuhen, blinzelte uns an
und sagte: »Na, Schneider, heut’ hab’ ich was heimgebracht für euch!«
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
Reviews
Reviews
No reviews yet
Be the first to share your thoughts on this work.
Join the Discussion
Join the discussion
Sign in to leave a comment or review.
Sign InorCreate an account