Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
»Bruder,« sprach jetzt der Stiefel vom linken Bein zu dem Stiefel vom
rechten Bein, »das ewige Treten wollte ich mir noch gefallen lassen,
aber das Rumpeln mit der Bürste am Abend oder am frühen Morgen, das
verdrießt mich am meisten. Ich möchte bloß wissen, warum wir bei
all unserm Elend auch noch glänzen sollen. Da hat’s unser Herr, der
Schreiber, gut. Dort sitzt er bequem auf seinem Bock und schreibt. Wenn
ich doch auch ein Schreiber wäre!«
»Das meine ich auch«, seufzte der Stiefelknecht.
Der Schreiber spritzte seine Feder aus, reckte sich ein wenig und
seufzte: »Gottlob, daß wieder ein Tag vorbei ist! So ein Schreiber hat
doch das jämmerlichste Leben. Was ist er anders als ein armseliger
Federknecht? Da lob’ ich mir’s, wenn man sein eigener Herr ist, wie der
Amtmann. Der arbeitet nur, wenn er Lust hat, und wird alle Tage dicker.
Ich habe die Plackerei satt. Ja, wäre ich doch auch Amtmann!«
Er zog seufzend die Stiefel an und steckte die Schlappschuhe in die
Tasche seines fadenscheinigen Rockes. Da trat der Herr Amtmann ein und
sagte brummig: »Du kannst nach Hause gehen, es ist Feierabend. Du weißt
gar nicht, wie gut du’s hast.«
»Der höhnt auch noch«, dachte der Schreiber, machte einen ungeschickten
Bückling und ging, und die Stiefel knarrten.
Der Amtmann ging in seine Wohnstube zurück. Weil er aber die Tür offen
stehen ließ, konnte der Stiefelknecht alles hören, was darin vorging,
und bald hörte er auch den Amtmann im tiefsten Baß brummen: »Da läuft
er hin, der lockere Schreiber. /Das/ Volk hat’s gut! Nun setzt er
sich zu einem Glase Bier und schmaucht in aller Ruhe seine Pfeife. Und
ich? Bis morgen soll die Arbeit fertig sein. Da liegt sie, noch kaum
angefangen. Was nur der Herr Minister denkt! Immer mehr Arbeit und
keinen Heller Zulage! Der Geier hole solchen Dienst! Ach, wenn ich doch
mein eigener Herr wäre! Ja, ja, der Minister hat gut befehlen.«
»Sonderbar!« dachte der Stiefelknecht. »Der Dicke klagt auch.«
Da pochte es an der Tür. »Herein!« rief der Amtmann. Es war sein
Hausarzt.
»Gut, daß Sie kommen, Herr Doktor«, sagte der Amtmann. »Ich befinde
mich gar nicht wohl und muß noch die Nacht hindurch arbeiten. O der
Dienst, der Dienst!«
Der Doktor befühlte des Amtmanns Puls und besah ihm die Zunge; dann
sagte er: »Legen Sie sich schlafen, bester Freund! Ihnen fehlt weiter
nichts als Ruhe.«
»Jawohl, schlafen!« brummte der Amtmann. »Doktorchen, Sie haben’s gut.
Sie sind Ihr eigener Herr.«
Der Doktor hielt sich den Bauch vor Lachen und rief: »Ich mein eigener
Herr? Aller Welt Diener bin ich. Tag und Nacht läßt man mir keine
Ruhe. Glauben Sie mir, lieber Freund, der Arzt ist die geplagteste
aller Kreaturen. Ja, wenn ich mein eigener Herr wäre! So viele Kranke
es in der Stadt gibt, so viele Herren habe ich, und Herrinnen dazu, und
ich sage Ihnen, gerade die Herrinnen verstehen’s am besten, mich zu
quälen!«
Der Doktor ging, und der Stiefelknecht dachte: »Wieder ein Knecht mehr.
Ich bekomme viel Gesellschaft.«
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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