Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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So holten wir denn die neue Lampe aus dem Winkel hervor, stellten
sie sorgfältig mitten auf den Tisch und zündeten sie an. Es war aber
dasselbe trübe, rußende Licht wie das erstemal. Ich drehte den Docht
höher und tiefer und zuletzt so tief, daß er ganz in die eichelförmige
Hülse zurückging. Und nun wurde es auf einmal hell: aus dem Spalt
strahlte eine breite, blendend weiße, rauchlose Flamme hervor. Beide
erschraken wir vor dem hellen Schein, der auf Tisch und Wand und unsern
Gesichtern lag.
So sind wir ganz zufälligerweise dem Geheimnis der Wunderlampe auf
die Spur gekommen, daß man nämlich den Docht nicht in die freie Luft
hineinstehen lassen, sondern ganz in den Spalt versenken muß, wenn er
brennen soll.
Als die beiden Alten aus der Kirche zurückkehrten, rief der Hausherr
freudig aus: »Da haben wir’s ja! Wer hat’s denn fertiggebracht?«
»Der Peter«, antwortete die kleine Viehmagd, denn ich getraute mir
nicht den Mund aufzutun.
Einmal noch ist die Kerze neben der neuen Lampe angezündet worden, aber
ach, wie armselig war ihr Licht! »Schäm’ dich!« rief der Meister und
blies sie undankbar aus.
Ich wüßte aber keine andere Neuerung, die beim Landvolk so rasch
Eingang gefunden hat, wie vor vierzig Jahren die Petroleumlampe.
/Peter Rosegger./
Kurze Reise nach Amerika.
Der alte Schuhmacher Johann Matthias Palmberger war gestorben, und auf
seinem Schemel war ihm sein Sohn Andreas gefolgt. Schon etliche Tage
hatte der junge Mann, oft in tiefe Gedanken verloren, dagesessen, als
endlich eines Morgens die Mutter zu ihm herantrat und sprach: »Andres,
dir fehlt was, und ich weiß auch gar wohl, wo dich der Schuh drückt,
ohne daß du es mir zu sagen brauchst. Dir gefällt es nicht mehr in
deines Vaters Hause, und der Hoffartsteufel macht es dir zu enge. Du
möchtest ein großer Herr Schuhmacher werden, wie du sie auf deiner
Wanderschaft in Nürnberg und Frankfurt gesehen hast, und weißt doch
nicht, daß du hier wärmer sitzest als hundert andere Meister, die
keinen Knieriemen mehr an den Fuß bringen, sondern nur zuschneiden.
Aber in Gottes Namen! Willst du fort, so geh, denn halte ich dich
zurück, so bleibst du ewig unzufrieden; versuchst du’s aber, so wird es
dich bald gereuen. Andres, es ist ein großer Unterschied zwischen einer
Wanderschaft von etlichen Jahren und einem Abschied von Mutter und
Heimat auf immer!«
Andreas drehte sich halb auf seinem Schemel herum und sprach: »Mutter,
nun ich mir alles recht überlegt habe, kann ich Euch sagen, daß ich
nicht mehr hier bleibe.«
»Warum nicht, Andres?« fragte die Witwe und schien sich über seine
Rede sowenig zu wundern, als hätte er gesagt, die neuen Stiefel, an
denen er noch arbeitete, seien nun fertig, und sie könne sie noch vor
Abend dem Gastwirt unten im Dorfe bringen, der sie bestellt hatte.
»Das will ich Euch kurz sagen, Mutter«, antwortete Andreas. »Es ist
hier nichts mit der Schusterei. Was einer in diesem Neste ist, das muß
er sein Leben lang bleiben.«
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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