Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
»Da hast du recht«, versetzte die Mutter. »Dein seliger Vater hat wohl
an die zwanzig Knieriemen zerrissen an sich und an dir, und schließlich
hat es doch nur in seinem Lebenslauf geheißen: ‚Der ehrbare Johann
Matthias Palmberger, Altschuhmacher und Schutzverwandter dahier.‘
Nichts dahinter und nichts davor.«
»Eben darum will ich auch nach England,« fuhr der junge Schuhmacher
fort, »oder nach Amerika. Da hat schon mancher sein Glück gemacht!«
»Jawohl, sein Glück gemacht!« stimmte die Witwe dem Sohne bei. »Gerade
jetzt erzählt man wieder viel von einem Sattlergesellen aus Schneeberg
in Sachsen, -- Ackermann heißt er -- der ging über Paris nach London
in England und ward daselbst ein so reicher und angesehener Mann, daß
jetzt die Grafen und Fürsten in seinem Hause aus und ein gehen wie bei
unsereinem die Hühner. Seinen armen Freunden in Schneeberg schickt er
aber ein Geldstück um das andere.«
»Ich werde Euer auch nicht vergessen, liebe Mutter!« versicherte der
junge Mann auf dem Schemel und stellte die Stiefel des Wirts auf die
Seite, nachdem er die letzte Hand darangelegt hatte. »Ich werde Euch
schon von Zeit zu Zeit schreiben, wie es mir geht. Und wenn Ihr in
einem Briefe von mir leset: ‚Euer dankbarer Sohn, Hofschuhmachermeister
Seiner Majestät des Königs von Großbritannien, Schottland und Irland‘,
-- dann dürft Ihr Euch flugs aufmachen wie der Erzvater Jakob zu seinem
Sohne Joseph in Ägyptenland. Denn ich wollte mich Euer nicht schämen,
und wenn ich König würde!«
»Bis dahin«, versetzte die Mutter, indem sie sich mit der Schürze eine
Träne aus dem Auge wischte, »darfst du dir um meinetwillen keine Sorge
machen, denn ein neues Haus, wie wir es haben, zwei Kühe im Stall,
etliche Morgen Ackerland und eine Wiese an der Altmühl sind für ein
Witweib mehr als genug.«
Sie hatte noch nicht ausgeredet, als Andreas schon anfing, um seinen
Schemel herum aufzuräumen. Die Mutter aber wehrte es ihm und sprach:
»Lieber Sohn, das überlaß mir! Nimm nur das Handwerkszeug, das du als
Geselle auf der Wanderschaft brauchst, und schnalle dein Bündel! Der
Ranzen, den du vor drei Jahren aus der Fremde mitgebracht, ist noch
ganz gut und hängt drüben in der Kammer. Indes habe ich Zeit, dir zum
Abschied dein Leibgericht zu kochen. Denn du sollst erst gegen Abend
ausziehen und heute nicht weiter als nach Merkendorf gehen. Du möchtest
dir sonst die Füße wundlaufen.«
Und so geschah es denn auch. Andreas schnallte sein Wanderbündel, aß
sein Leibgericht mit gutem Appetit und großem Beifall, plauderte noch
ein paar Stunden mit der Mutter über dies und jenes und ging dann, von
ihr bis vor die Haustür geleitet, zum Dorf hinaus.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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