Ich will immer Magd bleiben,
Bekomm’ ich nicht den Helden schön.”
Als Dietrich das vernahm,
Da sprach der listige Mann:
“Willst du Rother minnen, 2235
Den will ich dir bald bringen.
Es lebt keiner auf Erden,
Der mir mehr Gutes getan hätte;
Des soll er noch geniessen.
Ehe ihn der Hochmut meisterte, 2240
Half er mir oft in der Not;
Wir genossen fröhlich das Land
Und lebten glücklich zusammen.
Der gute Held war mir stets gnädig,
Wie wohl er mich jetzt vertrieben.” 2245
“In Treue,” sprach die Prinzessin,
“Ich verstehe deine Rede;
Ist der Rother dir so lieb,
Hat er dich nicht vertrieben.
Von wannen du fährst, kühner Held, 2250
Bist du als Bote her gesandt.
Dir sind des Königs Mannen lieb.
Nun verhehle es mit Worten nicht;
Was mir heute gesagt wird,
Das wird immer wohl verschwiegen 2255
Bis an den jüngsten Tag.”
Der Herr sprach zu der Dame:
“Jetzt überlass’ ich meine Sache
Der Gnade Gottes und der deinen;
Es stehen ja deine Füsse 2260
In König Rothers Schosse.”
Die Dame erschrak sehr;
Sie zog den Fuss weg
Und sprach zu Dietrich
Sehr bescheidentlich: 2265
“Nie ward ich so ungezogen;
Mein Übermut hat mich betrogen,
Dass ich meinen Fuss
Setzte auf deinen Schoss.
Und bist du der grosse Rother, 2270
Kannst du, König, nimmermehr
Einen besseren Ruhm gewinnen.
Der ausserordentlichen Dinge
Bist du ein listiger Meister.
Welches Geschlechts du auch seist, 2275
Mein Herz war unglücklich;
Und hätte dich Gott hergesandt,
Das wäre mir inniglich lieb.
Ich mag doch nicht glauben,
Dass du mir Unwahres sprichst. 2280
Und wär’s dann aller Welt leid,
Ich räumte sicherlich
Zusammen mit dir das Reich.
So bleibt es aber ungetan.
Doch lebt kein Mann so schön, 2285
Den ich vorziehen würde,
Wärest du der König Rother.”
Darauf sprach Dietrich
(Sein Sinn war sehr listig):
“Nun hab’ ich keine Freunde 2290
Als die armen Herren,
Die in dem Kerker sind.
Könnten mich diese sehen,
Hättest du an ihnen den Beweis,
Dass ich dir Wahres gesprochen.” 2295
“In Treue,” sprach die Prinzessin,
“Dir werd’ ich beim Vater mein
Irgendwie erwirken,
Dass ich sie herauskriege.
Aber er wird sie keinem geben, 2300
Er hafte denn mit seinem Leben,
Dass niemand entkomme,
Bis alle zurückgebracht
In den Kerker würden,
Wo sie in der Not waren.” 2305
Drauf antwortete Dietrich:
“Ich will es auf mich nehmen
Vor Constantin, dem reichen,
Und morgen sicherlich
Werde ich zu Hofe gehn.” 2310
Die Jungfrau so schön
Küsste den Herrn.
Da schied er mit Ehren
Aus der Kemenate.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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