Eingeschneit: Eine Studentengeschichte — John Shaqi
Eingeschneit: Eine StudentengeschichteFrommel, Emil
General
Eingeschneit: Eine Studentengeschichte
Frommel, Emil
Austria -- Fiction; German language -- Readers -- English; Travelers -- Fiction
Auf dem Pasterzengletscher,[9-10] der sich hinter dem
Fuscherthal[9-11] hinaufdehnt, schritt eine hagere Gestalt in
verwittertem[9-12] Lodenkittel, grünen, hohen Strümpfen und spitzem
Hut einem etwas behäbigen Herrn voran, der öfters stehen blieb und
sich[10-1] den Schweiß von der Stirn wischte. So sicher der Alte trotz
des schweren Ranzens und dicken Plaids einherstieg, immer schweigend
und ruhig voran, so keuchend kam der zweite hinterher. Das
Alpensteigen schien ihm ein ungewohntes Geschäft und Vergnügen zu
sein, und er machte ein so verzweifeltes Gesicht, als wollte[10-2] er
zu sich selber sagen: „Das war wieder einmal ein mordsdummer Streich
von dir, daß du dich hast da hinauf locken lassen,[10-3] du
hättest[10-4] auch die Berge von unten ansehen können.“ Aber jetzt
war[10-5] nichts mehr zu machen, zurück war der Weg noch mühsamer als
hinauf, darum vorwärts über den Schnee und die Eisschrunden!
„Geben’s fein Obacht, daß[10-6] nit fall’n und nit z’ lang stehen
bleiben! Dös thut koan gut,“ mahnte der alte Führer.
„Ja, Ihr[10-7] habt gut reden,“ keuchte der Hintermann. „Ihr seid die
Sach’ gewohnt, aber unsereins,[10-8] was alleweil in der Stuben sitzt,
brächt’s[10-9] halt nit fertig.“
Der geneigte Leser merkt, wen er vor sich hat. Es ist unser
Landgerichtsassessor, der so keucht und spricht. Hundertmal hat er
schon den Pasterzengletscher und alle anderen Gletscher in der Welt
verwünscht und an seine Lena gedacht, die es jetzt so gut habe,[10-10]
weil ihr Herr fort sei, und er hatte sich doch[10-11] so auf die
Sommerfrische gefreut und sich einmal recht „auslaufen“ wollen. Jetzt
that ihm jeder Knochen weh, und nur eins tröstete ihn: eine Rast im
Tauernhause,[10-12] die ihm in baldige Aussicht gestellt wurde.
Sie[11-1] sollte ihm eher, als er dachte, zu teil werden.
Der alte Führer stand nämlich plötzlich still, schaute nach allen
Seiten hin und witterte wie ein Gemsbock in die Luft hinaus. Er
beobachtete genau den Zug der Wolken, den Schnee unter den Füßen und
die einzelnen Bergspitzen. Der Landgerichtsassessor spitzte auch die
Ohren so hoch wie sein spitziger Tyrolerhut, aber er merkte trotz
allen Spitzens[11-2] nichts. Endlich brach der Alte das Schweigen und
sagte: „Gnädiger[11-3] Herr! Können’s Ihnen nit a bissel anstrengen?
Es ist so a Schneetreiben im Anzug und gut wär’s schon, wenn m’r
unterkimmet!“ Das fuhr dem Assessor in die Glieder, denn er hatte in
Geschichten schauriges vom Schneetreiben gelesen. „’s ist doch[11-4]
nicht gefährlich?“ sagte er halblaut.
„Ha, g’fährlich is[11-5] rechtschaffen schon, wenn wir noch auf’m Eis
sind. Aber so schnell kommt’s grad nit.“
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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