Eingeschneit: Eine StudentengeschichteFrommel, Emil
General
Eingeschneit: Eine Studentengeschichte
Frommel, Emil
Austria -- Fiction; German language -- Readers -- English; Travelers -- Fiction
Alle schauten sie lachend an; aber in ihr halbverlegenes und in ihrer
Verlegenheit um[25-4] so hübscheres Angesicht brannte[25-5] plötzlich
zum Erstaunen aller--ein kräftiger Kuß. Der kam von der
„Institutsvorsteherin,“ welche die junge Frau warm umschlang. „Sie
glückliches Menschenkind!“ sagte sie. Die Studenten waren ob[25-6] Kuß
und Rede höchst verwundert. In dem zweiten Tenor stieg ein leises
Ahnen und Zweifeln auf, es[25-7] möge doch am Ende mit der
„Institutsvorsteherin“ nicht völlig seine Richtigkeit[25-8] haben,
denn das sei doch nicht nach Knigges[25-9] ‚Umgang mit Menschen‘
gehandelt und geredet. Als er ihr tief ins Angesicht schaute, ward’s
ihm noch klarer. Sie deuchte ihm wirklich schön zu sein, zu schön für
eine Pensionsmutter.[25-10]
Am meisten hatte aber der Assessor mit seiner Konfusion zu
kämpfen. Die ganze Hochzeitsgeschichte kam ihm so wunderbar vor. Auch
er blickte hinüber zu der „Institutsvorsteherin“ und konnte sich[26-1]
das[26-2] nicht mit der gehaltenen Würde eines „Pensionsdrachen“
vereinigen.
Der Eheherr aber fuhr fort: „Nun hatten wir kurze
Verlobungszeit,[26-3] denn bei mir[26-4] waren, von den Eltern her,
Kasten und Schränke voll von selbstgesponnenem Flachs und
Leinen. Meine Schwester räumte bald das Feld, denn sie selber hatte
eine alte Liebe, der sie aber nicht eher nachhängen wollte, als bis
sie mich versorgt wußte. Die Hochzeit war bald, und die Hochzeitsreise
ist es, auf der wir uns befinden. Wir wußten zuerst nicht wohin[26-5]
und kamen mit der Kutsche an einen Knotenpunkt der Eisenbahn
gefahren.[26-6] „Annlieschen,“ sag’ ich, „wo[26-7] der erste Zug jetzt
hinfährt, ob nach Norden oder Süden, da fahren wir hin.“ Annlieschen
war’s zufrieden, wie sie überhaupt mit allem zufrieden ist. Also der
Zug geht nach Süden. Wir fahren nach Kassel.[26-8] Ich sage:
„Hast[26-9] du Kassel gesehen, dann siehst du auch Frankfurt[26-10] am
Main, wo die deutschen Kaiser einst gehaust.“ Sagt[26-11] Annlieschen:
„Ja wohl--dahin laß mich mit dir, mein Geliebter, ziehen.“[26-12] Dort
regnet’s in Strömen. Wir sitzen im Westend-Hotel und sehen uns[26-13]
den Regen an. „Anneliese,“ sag’ ich, „das ist langweilig--wir
gehen[26-14] nach dem schönen Heidelberg,[26-15] da ist’s sonnig und
wonnig.“ Aber in Heidelberg, dem Wetterloch,[26-16] war’s noch
schlimmer. Sitzt[26-17] im „Ritter“[26-18] dort ein Herr, der sagt:
„Freiburg[27-1] im Breisgau--da ist’s schön, herrlich!“--und Anneliese
sagt wieder: „Dahin, dahin u.s.w.“[27-2] Ich gehe mit ihr nach
Freiburg, auf den Blauen[27-3]--„da schimmert was,“[27-4] sag’
ich. „Anneliese--guck[27-5] mal[27-6]--weißt du, was das ist?“ „Nein,“
sagt die Anneliese. „Siehste[27-7]--das[27-8] sind die Alpen.“
Anneliese sagt wieder: „Dahin laß uns ziehen.“ Wir ziehen durch die
Schweiz nach dem Sankt Gotthard,[27-9] wo wir eingeregnet werden. Da
sitzen zwei Brautpaare in gleicher Nässe, die wollten[27-10] nach
Italien. Italien! das stach[27-11] mich wie ein
Skorpion.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
Reviews
Reviews
No reviews yet
Be the first to share your thoughts on this work.
Join the Discussion
Join the discussion
Sign in to leave a comment or review.
Sign InorCreate an account