Eingeschneit: Eine Studentengeschichte — John Shaqi
Eingeschneit: Eine StudentengeschichteFrommel, Emil
General
Eingeschneit: Eine Studentengeschichte
Frommel, Emil
Austria -- Fiction; German language -- Readers -- English; Travelers -- Fiction
„Sie haben das Lied so schön gesungen,“ sagte die „Vorsteherin“--„so
schön wie ich es nur einstens von einer Freundin gehört. Aber
merkwürdig ganz mit demselben Klange und derselben Auffassung. Es ist
doch eigen, wie plötzlich Erinnerungen auftauchen, die sich an irgend
ein Lied oder Wort oder einen Klang so unzerreißbar heften!“
„Und Ihre Freundin war auch in Italien?“ fragte der Assessor.
„Ja--sie ist ganz dort,“ entgegnete die Dame wehmütig. „Sie schläft
unter den Cypressen an der Cestiuspyramide,[29-3] auf dem Kirchhofe
der Protestanten zu Rom.“
Den Assessor durchzuckte es.[29-4] Es[29-5] kämpfte in ihm, ob er
weiter fragen sollte. Endlich fragte er doch: „In welchem Jahre war
es?“
„Es war im[29-6] Jahre 18.., am 20. Mai, daß sie entschlafen.“
Der Assessor stützte den Kopf in beide Hände und sprach kein
Wort. Alle schauten still und stumm auf ihn,--am meisten betroffen
aber war die „Vorsteherin.“ „Ich habe Ihnen doch[29-7] nicht wehe
gethan?“ sagte sie in weichem, mildem Tone.
Der Assessor schaute sie klar und tief mit feuchten Augen an. „Wohl
und wehe zugleich, Fräulein Milla!--denn keine andere sind Sie,
wiewohl ich Sie nie gesehen, die treueste Freundin meiner
unvergeßlichen Elsa.“--Er reichte ihr die Hand und hielt sie lange
fest.
Nun aber war das Erstaunen an ihr. Ihr Auge leuchtete und eine
durchsichtige Röte flammte über die schönen Züge. „Sie sind es,
Robert?--Und so sehen wir uns[30-1] zum ersten Mal in diesem Leben?“
Die andern im Kreise schwiegen. Jeder ehrte den Schmerz, den er doch
nicht völlig verstand.
„Sehr merkwürdig,“ sagte der Engländer leise zu den andern. „Bitte,
singen Sie ein Lied, das ist das beste für die Wunden.“ Schnell waren
die drei Studenten beisammen und sangen mit heller Stimme:
Es[30-2] ist bestimmt in Gottes Rat,
Daß man vom liebsten, das man hat,
Muß scheiden;
Wiewohl doch nichts im Lauf der Welt
Dem Herzen, ach! so sauer fällt
Als scheiden.
Als sie geschlossen, stand der Assessor auf, drückte jedem die Hand
und sagte: „Ich danke Ihnen von Herzen. Vergeben Sie mir den
Augenblick, wo ich mich verloren habe und Ihnen vielleicht schwach
erschienen bin.“ Die „Vorsteherin“ war noch immer still in sich
versunken. Endlich brach der Assessor wieder das Schweigen.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
Reviews
Reviews
No reviews yet
Be the first to share your thoughts on this work.
Join the Discussion
Join the discussion
Sign in to leave a comment or review.
Sign InorCreate an account