Eingeschneit: Eine StudentengeschichteFrommel, Emil
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Eingeschneit: Eine Studentengeschichte
Frommel, Emil
Austria -- Fiction; German language -- Readers -- English; Travelers -- Fiction
„Da Sie so unvermutet Zeugen einer gemeinsamen Erinnerung geworden, so
lassen Sie mich Ihnen auch mitteilen, was wir erlebt. Ich darf wohl
kurz sein: Es war in meinen Universitätsjahren. Ich war wie Sie, meine
Herren, ein fröhlicher Bursche, dem der Himmel voll Baßgeigen[31-1]
hing. Wir sangen auch, wie Sie, Quartette und weckten die Leute des
Morgens[31-2] in der Ruhe und des Abends im Schlaf mit unserm
Gesang. Da wurden wir eines Tages gebeten, auf einer Hochzeit zu
erscheinen und dem jungen Paare zu singen, dafür[31-3] sollten wir
dann auch mitfeiern. Was thut man nicht als Student, um ein gut Glas
Wein zu erjagen? Wir sangen und mischten uns unter die Gäste, die aus
allen Himmelsgegenden zusammengeflogen waren. Wir Studenten kamen
unter die Brautjungfern zu sitzen. Ich ahnte nicht, daß das die
Wendung meines ganzen Lebens werden sollte.[31-4] Wir scherzten und
sangen; aber mit meiner Nachbarin geriet ich sehr bald ins tiefste
Gespräch. Ich hörte und sah nichts mehr als nur sie. Noch nie hatte
ein Mensch im[31-5] Leben so schnell mich verstanden, und so
seelenvoll mit mir verkehrt. Ich war ja[31-6] ein Waisenkind, bei
fremden Leuten auferzogen, ohne Geschwister, und hatte nie gewußt, was
eigentlich ein fühlendes Herz sei. Die Kameraden hatten mich
wohl[31-7] aus meiner Philisterhaftigkeit und Menschenscheu
herausgejagt, aber Zutrauen zu Menschen hatte ich nicht gefaßt. Aber
dies Mädchen mit ihrer weichen Stimme, ihren seelenvollen Augen und
den geistvollen, blitzenden und doch so warm leuchtenden Gedanken
hatte mir eine Welt aufgeschlossen, die ich nicht kannte. Ich wagte
es,[32-1] ihr von meinem traurigen Leben zu erzählen. Ich weiß nicht,
was ich noch alles sagte, mir brannte der Kopf und der Boden unter den
Füßen. „Wenn sie nur meine Schwester wäre,“[32-2] so dachte ich und
sprach es ihr auch aus. Sie schaute mich dabei mit einem wunderbaren
Blicke an. Da begann eben der Tanz, ihre Mutter holte sie weg, und sie
verlor sich[32-3] in den Reihen der Tanzenden. Ich konnte nicht
tanzen, aber das Bild verlor sich nicht, ich mußte sie immer mit den
Augen verfolgen. Mit einem Male war sie fort,[32-4] verschwunden mit
ihrer Mutter. Ich hörte, daß sie plötzlich erkrankt sei. Nach dem
Tanze mußten wir noch singen; aber ich sang verkehrt, und wir warfen
beinahe um. Als die Sache zu Ende war, schlich ich still unter das
Fenster des Gasthofes, in welchem sie wohnte; es[32-5] war noch Licht
oben. Sie war krank, und ich dachte mir gleich das schlimmste. Am
folgenden Tage hörte ich, daß sie wirklich schwer vom Typhus erfaßt
sei, der wohl in ihr gelegen und den die Aufregung der Hochzeit
beschleunigt hatte. Wochen kamen und gingen. Endlich durfte[32-6] sie
wieder ins Freie. Wir Studenten benutzten den ersten Abend ihrer
Genesung, ihr ein Ständchen zu bringen. Stille öffneten sich die
Fenster in der lauen Nacht, und unser Gesang tönte hinauf. Die Mutter
lud uns mit der Familie, die damals Hochzeit feierte, bald darauf
ein.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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