Eingeschneit: Eine StudentengeschichteFrommel, Emil
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Eingeschneit: Eine Studentengeschichte
Frommel, Emil
Austria -- Fiction; German language -- Readers -- English; Travelers -- Fiction
Ich öffnete den zweiten
Brief, dessen kurzer Inhalt war: Elsa konnte mein Schweigen nicht
anders auslegen, als daß ich sie vergessen. Aber sie blieb dennoch
fest und standhaft und wollte lieber alle Mittel des Onkels
ausschlagen, als einem Manne die Hand geben, den sie nicht liebte. So
arbeitete sie denn die Nächte durch,[35-1] um ihre Mutter und sich zu
erhalten. Aber die zarte Gesundheit fing an zu wanken: der Typhus
hatte damals doch eine krankhafte Reizbarkeit der Lunge[35-2]
zurückgelassen, die[35-3] jetzt wieder aufs neue sich Bahn brach.
Nach dem Lesen der Briefe wäre[35-4] ich fast wieder in Krankheit
gesunken, aber es galt ein anderes Leben als das meinige. Ich schrieb
der Freundin, mein Vermögen stehe zur Verfügung und schickte sofort
eine Summe, um Elsa und ihre Mutter zum Aufenthalte im Süden zu
bewegen. Meine Staatsprüfung machte ich halb krank und begehrte nach
meiner Anstellung sofort Urlaub, der mir aber verweigert wurde. Ich
hielt bei der Mutter um die Hand Elsas an, die derweilen nach
Nizza[35-5] gegangen. Elsa schrieb die glücklichsten Briefe, ihre
Gesundheit stärkte sich von Tag zu Tage. Ich hatte mir endlich Urlaub
beim Minister erwirkt. Elsa war nach Florenz[35-6] gegangen, in Rom
wollten wir uns treffen. Ich eilte über die Alpen, kam in Rom an und
flog zum „Hotel Minerva“. Das Stubenmädchen, das[35-7] mich melden
sollte, schaute mich groß[35-8] an und sagte: „Sind Sie ein Doktor?
Signora[35-9] ist sehr krank, o sehr krank!“ Ich öffnete bebenden
Herzens[35-10] die Thüre. Ein Nachtlicht brannte durch die dämmerige
Stube. „Ist Robert noch nicht da?“[35-11] hörte ich eine weiche,
sanfte Stimme fragen. Ich fühlte mein Herz hörbar schlagen und winkte
der Mutter. „O er ist gewiß da, ich fühl’ es,“ sagte die Kranke. So
trat ich ans Bett. Ja, da lag sie, eine sterbende Blume. Tags zuvor
hatte sie einen heftigen Blutsturz gehabt, der ihr die letzte Kraft
nahm.--Erlassen Sie mir, das Wiedersehen zu beschreiben. Elsas Leben
flammte noch einmal auf. Sie hatte sich soweit erholt, daß sie mit uns
vor die Thore Roms fahren konnte. Wir kamen an der Cestiuspyramide am
{{Monte Testaccio}}[36-1] vorbei. „Eine Pyramide,“ rief sie
leuchtend,[36-2] „laß uns zur Pyramide fahren!“ Wir bogen ein. Es war
schon Abend. „Ach da ist ja ein Kirchhof,“ sagte sie leise. „Wer wird
da begraben unter diesen schönen Cypressen?“--„Die deutschen[36-3]
Ketzer,“ sagte unser Vetturin, „die nicht an Madonna glauben.“ Elsa
war still geworden. Ich wickelte sie fester in den Plaid, da es sehr
kalt wurde. Wir fuhren nach dem Gasthof. In der Nacht überfiel sie
ein zweiter Blutsturz, sie schaute mich mit einem großen, langen Blick
an, dann umschlang sie meinen Hals und sagte: „Leb wohl, mein guter
Bruder, mein--“ da stockte ihr Atem, das Leben war entflohen.“
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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