Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
Nun wohnte dort zu jener Zeit, und zwar nicht weit von der
holländischen Grenze, ein armer Mann mit seiner Frau in einer kleinen
Lehmhütte. Beide waren fleißig und sparsam. Als aber die kalten
Wintertage kamen, stieg ihre Not aufs höchste.
Da hatte der Mann eines Morgens einen seltsamen Traum gehabt und sagte
zu seiner Frau: »Ich gehe heute nach Emden. Mir hat nämlich geträumt,
daß ich da auf der Brücke vor dem Rathaus mein Glück machen werde. Was
sagst du dazu?«
»Träume sind Schäume,« antwortete die Frau, »aber du kannst es ja
versuchen. Vielleicht findest du dort Arbeit, wenn du auch nicht reich
wirst.«
Der Mann zog also feinen wärmsten Rock an und ging nach Emden, wo er
zeitig auf der Rathausbrücke anlangte. Es war ein bitterkalter Tag, und
niemand kümmerte sich um ihn, wie er da von Morgen bis Abend auf und
ab ging. Schon wollte die Sonne sinken, und mit ihr seine Hoffnung, da
trat ein Ratsherr an ihn heran nnd sagte: »Lieber Mann, ich sehe, Ihr
geht hier den ganzen Tag auf der Brücke hin und her und haltet Euch
selbst und den Weg warm. Erwartet Ihr jemand?«
»Ja und nein«, antwortete der Mann und erzählte dem Ratsherrn seinen
Traum.
»Träume sind Schäume!« sprach dieser. »Wer das nicht glaubt und sein
Bett verkauft, der liegt bald nackt und kalt im Stroh. Ich hatte einmal
einen ähnlichen Traum. ‚Du mußt‘, so träumte mir, ‚über die Ems gehen
und dich so und so wenden, erst rechts, dann links. Dann kommst du an
einen Kreuzweg; an dem Kreuzweg steht ein Häuschen, vor dem Häuschen
steht ein Birnbaum, und unter dem Birnbaum liegt ein Schatz begraben.‘
Aber meint Ihr, daß ich daran glaubte? ‚Träume sind Schäume‘, sagte ich
mir und dachte nicht weiter daran.«
»Kann wohl sein, Herr, kann wohl sein,« sagte der Mann, »ich will
deshalb auch lieber heimgehen. Guten Abend, Herr!«
»Guten Abend und glückliche Reise!« sprach der Ratsherr.
Der Arme ging anfangs langsam dahin, aber je weiter er kam, desto
schneller wurde sein Schritt, bis er zuletzt förmlich lief und
schweißtriefend vor seiner Lehmhütte anlangte.
Seine Frau saß mittlerweile am Herd und wartete auf ihn. Auf dem Herd
stand ein Topf voll Kartoffeln, die kochten schon, aber der Mann wollte
nicht kommen, und der Frau wurde angst. Endlich jedoch hörte sie
draußen Schritte, die Tür ging auf, und atemlos stürzte er herein.
»Nun setz’ dich und iß erst, dann erzähle!« sagte sie.
»Jetzt essen?« erwiderte er. »Dazu haben wir keine Zeit. Hole mir
Spaten und Laterne, dann komm mit und hilf mir graben!«
Obgleich die arme Frau fast befürchtete, ihr Mann sei von Sinnen, so
tat sie doch, was er ihr befohlen hatte, und in nicht gar langer Zeit
fanden die beiden Schatzgräber unter dem Birnbaum einen irdenen Topf
voll Geld!
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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