Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
»Wolltet Ihr wohl die Güte haben,« sprach der Zwerg, »mir täglich um
diese Zeit eine Gerstenähre zu schenken? Es soll nicht zu Eurem Schaden
sein.«
Der Bauer, der wohl wußte, daß man gegen solch kleines Volk freundlich
sein muß, sprach: »Gewiß, das soll geschehen. Kommt nur immer um die
Mittagsstunde her, dann gebe ich Euch gern, was Ihr begehrt.«
Damit trat er ein wenig beiseite, zog aus einer der Garben eine schöne
Gerstenähre hervor und reichte sie dem Männlein. Das wandte sich mit
nachdenklicher Miene gegen den Haufen Stroh, aus dem es hervorgekommen
war, und sprach: »Ihr habt diesen großen Berg vor unsere Höhle
geschoben. Wenn er da liegenbleibt, so kann ich mit Eurer freundlichen
Gabe nicht in unsere Wohnung zurück.«
»Ist es weiter nichts?« sagte der Bauer und schob mit dem Fuß das Stroh
beiseite. Es zeigte sich nun unten an der Wand eine Öffnung so groß
wie ein Mauseloch. Das Wichtlein lüftete wieder sein Käppchen, dankte
dem Bauer, nahm die schwere Gerstenähre auf die Schulter und schleppte
seine Last unter lautem Schnaufen davon. Den langen Halm in das Loch
hineinzubringen, war ihm keine leichte Arbeit, und es dauerte wohl eine
halbe Minute, bis der letzte Zipfel in der Öffnung verschwunden war.
Der Bauer ging von nun an alle Mittage in die Scheune und gab dem Zwerg
seine Gerstenähre, und von dieser Zeit an gedieh sein Vieh auf eine
wunderbare Weise, obgleich es weniger Futter und Pflege verlangte als
sonst. Es war eine wahre Lust, die runden, fetten Schweine anzuschauen,
die kaum aus den Augen sehen konnten und sich nur mit Mühe an den
Futtertrog schleppten. Solch blanke Kühe wie auf seinem Hofe fand man
weit und breit nicht. Sie gaben die fetteste Milch, und die Butter
verkaufte die Bäuerin zu den allerhöchsten Preisen. Auch die Pferde,
die doch täglich nur einige Handvoll Hafer und ein wenig Heu bekamen,
waren glatt und schön und zogen Pflug und Wagen doppelt so gut als
früher. Ähnlich ging es mit den Hühnern: sie legten fast das ganze Jahr
hindurch, und manchmal sogar Eier mit zwei Dottern darin.
Dies alles gefiel dem Bauer und der Bäuerin gar wohl, und da sie recht
gut wußten, wem sie den Segen zu verdanken hatten, so priesen sie das
Zwerglein alle Tage und reichten ihm gern die gewohnte Gabe.
Eines Tages im Winter aber, als es draußen Stein und Bein fror, saß der
Bauer allzu behaglich in seinem Lehnstuhl am warmen Ofen und wartete
auf das Mittagessen. Jedesmal, wenn die Tür aufging, roch er schon sein
Lieblingsgericht, nämlich Schweinsbraten mit Äpfeln und Pflaumen, und
da wollte er natürlich nicht gern in die eisige Winterkälte hinaus,
bloß um dem Kleinen in der Scheune seine Gerstenähre zu geben. Er rief
deshalb einen seiner Knechte herbei und sagte ihm, was er tun solle.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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