Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Dieser, ein vorwitziger Mensch, hatte schon lange gewünscht,
das seltsame Männchen zu sehen, von dem man sich im Dorfe die
wunderlichsten Dinge erzählte. Und als er nun dem Wichtlein den Halm
reichte, kitzelte er es ein wenig damit unter der Nase, so daß es ein
possierliches Gesicht machte und anfing zu niesen. Darüber wollte sich
der Knecht totlachen. Als aber der Zwerg sich mühte, die Gerstenähre in
das Loch hineinzuschleppen, rief der grobe Kerl: »Nun seht doch, wie
das kleine Ding zieht und zerrt, als ob der Halm ein Baum wäre!« Kurz,
er verhöhnte das Männlein auf alle Weise. Dieses aber ward im Gesicht
so blutrot wie seine Mütze und warf zornige Blicke um sich.
Am andern Tage, als der Bauer wieder selbst kam, um dem Wichtlein die
Ähre zu geben, wartete er vergebens: es erschien niemand. Er rief es
mit schmeichlerischen Worten und gab ihm die schönsten Namen, allein
alles war umsonst. Auch am folgenden Mittag kam es nicht. Das Männlein
war und blieb verschwunden.
Von nun ab ging alles auf dem Hofe den Krebsgang. Die Pferde, Kühe und
Schweine fraßen ganze Berge von Futter auf, waren aber immer hungrig
und wurden immer magerer. Den Pferden konnte der Bauer seinen Hut auf
die Hüftknochen hängen, wenn er gewollt hätte, und ziehen wollten sie
gar nicht mehr, weder Pflug noch Wagen. Die Kühe gaben nur noch die
dünnste, blauste Milch, und an Verkauf von Butter war nicht mehr zu
denken. Die Schweine rannten magerer als Windhunde unter den Eichbäumen
umher, und die Hühner kriegten den Pips und legten Windeier, oder wenn
sie einmal ein ordentliches Ei legten, so fraßen sie es selbst auf.
Wie oft hat der Bauer bereut, daß er damals nicht selbst hinausgegangen
ist, um dem Zwerglein die gewohnte Gerstenähre zu reichen! Aber die
Reue kam zu spät. Er hat denn auch schließlich all sein Hab und Gut mit
großem Schaden verkauft und ist ins Ausland gezogen.
/Heinrich Seidel./
[Illustration: /Der Zwerg und die Gerstenähre./]
Die teuren Eier.
In Kleve ritt einmal ein reicher holländischer Kaufmann in einem
Gasthof ein und bestellte sich zwölf gekochte Eier. Als sie ihm aber
gebracht wurden, konnte er sie nicht verzehren, weil eben ein Eilbote
eintraf und ihn in einer dringenden Angelegenheit heimberief. Also
verließ er sogleich das Haus, sprang wieder auf sein Pferd und ritt
fort, ohne die Eier bezahlt zu haben.
Zehn Jahre später jedoch kehrte der Kaufmann wieder in demselben
Gasthof ein. Da sagte er zu dem Wirt: »Ich schulde Euch noch das Geld
für die Eier, die Ihr mir vor zehn Jahren kochen ließet. Wie groß ist
die Summe?«
»Ja,« sagte der Wirt, »die werden Euch teuer genug zu stehen kommen,
Herr.«
»Nun,« meinte der Kaufmann, »ich werde doch wohl ein Dutzend Eier
bezahlen können!«
»Das ist eben die Frage«, entgegnete der Wirt. »Aber Ihr werdet ja
sehen. Kommt nur morgen aufs Gericht, denn ich habe Euch längst
verklagt.«
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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