Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Der Kaufmann weigerte sich auch nicht. Und als sie nun am nächsten
Morgen vor den Richter kamen, rechnete ihm der Wirt vor, aus den zwölf
Eiern würden zwölf Küchlein gekommen sein, und die Küchlein würden
wieder Eier gelegt haben, aus welchen wieder Küchlein gekommen sein
würden, und so fort, zehn ganze Jahre lang, was zuletzt eine ungeheure
Summe ausmachte. »Auf dieser Summe aber«, fügte er hinzu, »muß ich
durchaus bestehen«, und der Richter verurteilte den Kaufmann auch
wirklich dazu, sie zu zahlen.
Ganz niederschlagen verließ der reiche Herr den Gerichtssaal, denn er
sah nun Armut und Not leibhaftig vor Augen. Da begegnete ihm ein altes
Männlein, das sprach: »Herr, was habt Ihr Trauriges erlebt? Ihr seht ja
aus wie die teure Zeit!«
»Ach,« seufzte der Kaufmann, »wozu soll ich Euch das alles erzählen?
Ihr könnt mir doch nicht helfen.«
»Wer weiß?« versetzte der Alte. »Ich bin ein guter Ratgeber. Laßt
hören!«
Nun erzählte ihm der Kaufmann die ganze Geschichte, und das Männlein
sprach: »Wenn es weiter nichts ist, so geht nur gleich zum Richter
und sagt ihm, die Sache müsse noch einmal verhandelt werden, denn Ihr
hättet einen Rechtsanwalt gefunden. Dann will ich kommen und Euch
beistehen.«
»Wenn Ihr das fertigbringt,« sagte der Kaufmann erleichterten Herzens,
»so will ich Euch sechshundert Gulden geben!«
»Das wird sich finden«, meinte das Männchen. »Geht nur gleich hin!«
Das tat der Kaufmann, und der Richter setzte einen Tag fest, wo die
Sache aufs neue zur Verhandlung kommen und er mit seinem Anwalt
erscheinen solle.
Als nun der Gerichtstag kam, war der Holländer zeitig genug da, aber
das Männlein kam nicht. Die Gerichtsherren hinter dem grünen Tische
fragten schließlich den Kaufmann, wo denn sein Rechtsanwalt sei;
die Stunde sei fast vorbei, nach deren Verlauf sie das erste Urteil
bestätigen müßten. Da endlich erschien das Männchen, und die Richter
wollten wissen, warum er denn so lange ausgeblieben sei.
»Ich habe erst Erbsen kochen müssen«, antwortete das Männchen.
»Was habt Ihr denn mit den Erbsen machen wollen?« fragten die Richter
neugierig.
»Die habe ich pflanzen wollen«, gab der Alte zur Antwort.
»Ei,« lachten die Herren, »gekochte Erbsen pflanzt man doch nicht,
sonst kommen ja keine Früchte!«
»Und von gekochten Eiern«, fiel das Männchen ein, »wären auch keine
Küchlein gekommen! Darum seid so gut, ihr Herren, und sprecht dem Mann
hier ein anderes Urteil, denn dieser schuldet dem Wirt ja nur eine
kleine Summe für zwölf gekochte Eier, und die will er ihm auch gern
zahlen.«
Das leuchtete den Richtern ein; sie sprachen ein anderes Urteil, und
der holländische Kaufmann bezahlte dem Wirt das Dutzend Eier mit
Zinsen. Als er aber dem Männlein danken wollte, war es verschwunden.
/Karl Simrock./
Der starke Drescher.
Eine Geschichte von dem Berggeist Rübezahl.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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