Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Der junge Fischer ging mit geschwinden Schritten dem Bach entgegen,
welcher dem höher gelegenen See entfloß, und der Alte sah ihm mit
listigem Augenblinzeln nach. Dann rückte er den hölzernen Stuhl aus dem
Schatten und ließ sich die wärmende Morgensonne auf den kahlen Kopf
scheinen. So saß er wohl eine Stunde lang, da kam der Angler wieder
zurück; er sah sehr verdrossen aus.
»Nun?« fragte der Müller.
»Nichts habe ich gefangen«, erwiderte unwirsch der Stadtherr.
»Natürlich«, kicherte der Alte. »Fische fangen, wo keine sind, das kann
nicht einmal der heilige Petrus. Und im Obersee gibt’s keine Fische.«
»Das hättet Ihr mir gleich sagen sollen.«
»Warum seid Ihr so eilig davongerannt? Aber jetzt kommt mit mir an den
Untersee! Dort werdet Ihr reichlich entschädigt werden. Und zu Mittag
soll Euch meine Enkelin die Fische blausieden, und ein guter Trunk ist
in der Seebachmühle auch zu haben.«
Gegen Mittag kam der Alte mit dem Fremden zurück, und letzterer sah
sehr vergnügt drein. »Gebt mir die Fische«, sprach der Müller, »und
setzt Euch auf die Bank, bis die Mahlzeit angerichtet ist!« Er trug den
reichen Fang ins Haus und nahm dann Platz neben seinem Gast.
Der junge Stadtherr streckte behaglich seine bestiefelten Beine aus
und reckte die Arme. »Wie kommt’s denn, Alter,« fragte er, »daß es im
Obersee keine Fische gibt?«
»Das will ich Euch berichten«, entgegnete der Müller. »Kein Mensch
auf Erden weiß das besser als ich. Aber Ihr müßt mir versprechen,
reinen Mund zu halten.« Seine grauen Augen funkelten seltsam, und mit
gedämpfter Stimme begann er zu erzählen:
»Heutzutage läßt er sich nicht mehr blicken, aber noch vor dreißig
Jahren konnte man ihn in mondhellen Nächten am Obersee sitzen sehen,
und er war nicht so arg, als man ihn verschrien hatte.«
»Von wem sprecht Ihr?« fragte der Fremde.
»Ei, von meinem Duzbruder, dem Wassermann. Ich fing ihn im Netz und
hielt ihn für einen Hecht. Aber als ich ihn ans Ufer gebracht hatte,
verwandelte er sich in einen Mann mit langen Zähnen und grünen Haaren
und bat mich winselnd um Erbarmen. Was war da zu machen? Ich löste ihn
aus den Maschen, und dann wurden wir Freunde und tranken Brüderschaft
miteinander.«
»Ihr habt mit dem Wassermann Brüderschaft getrunken?« fragte der Gast
und sah den alten Müller mißtrauisch von der Seite an.
»So ist es, und ich habe nie einen lustigeren Kameraden gehabt. Eines
Tages lud er mich zu Tisch. Zuvor gab er mir ein Ölfläschchen, und
mit dem Öl mußte ich meinen Leib salben. Dann fuhren wir hinunter in
den See, wohl fünfzig Klafter tief. Unten aber geleitete mich mein
Kamerad in sein Haus, und dann ging’s zur Mahlzeit. Schöne Nixen mit
schillernden Augen trugen die dampfenden Schüsseln auf und schnalzten
mit den schuppigen Schwänzen, daß es eine Lust war. Und Fische aller
Art spielten uns zu Häupten wie hier oben die Schwalben und die
Schmetterlinge.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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