Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
»Wenn ich auch zuletzt komme, so ist doch mein Eifer dir zu dienen
nicht geringer als der meiner Kameraden. Nimm mich hin, ehrwürdiger
Vater! Ich sterbe gern für dich.«
Da fuhr Bruder Klaus mit dem Ärmel seines härenen Gewandes über die
feuchten Augen, beugte sich zu dem Hasen nieder und ergriff ihn bei den
Ohren.
»Dir werde dein Wille, du treues Tier!« sprach er und trug den Hasen in
die Klause.
Nach einiger Zeit kam er zurück und hängte den blutigen Hasenbalg
auf einen Pfahl seines Zaunes zum Trocknen auf. In seinen Augen aber
leuchteten Tränen der Rührung.
Am Abend gab es in der Klause Hasenpfeffer und am nächsten Mittag
Hasenbraten mit Kraut, und unter dem Tisch saßen Fuchs und Kater und
labten sich an den Knöchelchen, welche der Einsiedel den treuen Tieren
zuwarf.
/Rudolf Baumbach./
Der bekehrte Stiefelknecht.
In der Amtsstube des Amtmanns stand ein Stiefelknecht, der brummte
unzufrieden vor sich hin: »Es ist doch ein jämmerlich Ding um das
Leben, wenn man immer so im Winkel stehen und auf die Herren Stiefel
warten muß! Und wie beschmutzt kommen sie oft an, wie grob behandeln
sie mich armen Knecht! Wenn ich den einen ausziehe, so tritt mich der
andere. Ja, die Stiefel haben’s gut, die bekommen die Welt zu sehen.
Während ich hier in der dunklen Ecke stehe, gehen sie im Sonnenschein
spazieren, und wenn sie müde heimkommen, dann heißt’s: ‚Stiefelknecht
her!‘, und ich muß die großen Herren ausziehen, sie aber machen sich’s
bequem.«
Die Stiefel, denen diese Rede galt, gehörten dem Schreiber. Er hatte
sie ausgezogen und an die Wand gestellt, denn in der Amtsstube trug
er lieber ein Paar weiche Schlappschuhe an den Füßen. Bei der Rede
des unzufriedenen Stiefelknechts machten beide Stiefel lange Schäfte,
gerade wie die Menschen bei anzüglichen Reden anderer Leute lange
Gesichter zu machen pflegen.
Da stieß der Stiefel des rechten Beines den Stiefel des linken Beines
an und sprach: »Hast du’s gehört, Bruder? Der dumme Stiefelknecht
nennt uns Herren und meint, wir hätten’s gut, weil er nicht weiß,
wie gut er selber daran ist. Der Lump hat den leichtesten Dienst von
uns allen. Aber wir, wir werden den ganzen Tag durch dick und dünn
gejagt. Im Sommer ersticken wir fast vor Staub, im Winter frieren wir
steif im Schnee, und wenn’s regnet, ersaufen wir fast. Und dann --
ach! das Pflaster und all die scharfen Steine, die auch kein Erbarmen
kennen! Ich möchte nur wissen, wieviel Haut sie mir heute schon wieder
abgekratzt haben, denn ich glaube wahrhaftig, ich bin jetzt unten
beinah durchsichtig geworden. Es ist ein mühseliges Leben, wenn man
immer den Diener spielen muß.«
Der Stiefelknecht horchte auf.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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