Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
Wenige Minuten darauf schloß ihm ein sanfter Schlaf die Augen, und
eine liebliche Erinnerung aus seiner frühsten Jugend zog, in einen
Traum verwandelt, durch seine Seele. Es träumte ihm, er liege als
etwa achtjähriger Knabe, zum Baden entkleidet, auf dem flachen Ufer
der Altmühl und wolle sich in dem schwarzen Schlamm wälzen, um dann
seinen Kameraden plötzlich als Mohr zu erscheinen. Lange war es ihm,
als könne er über ein Brett, das ihm im Wege lag, nicht in den Schlamm
hinuntergelangen; endlich aber wich das Hindernis, und er sank bis an
den Hals in die weiche Masse hinein. Eine Weile gefiel es ihm prächtig
darin; da er sich aber mehr und mehr auf die Seite drehte, bis er
zuletzt fast auf dem Bauch lag, hörte das mollige Gefühl allmählich
auf: Mund und Nase füllten sich mit dem eindringlichen Brei, er war dem
Ersticken nahe und begann ängstlich nach Luft zu schnappen.
Darüber erwachte Andreas und erkannte nun, daß er statt in dem
Schlamm der Altmühl in einem mit Teig angefüllten Backtrog lag.
Solche langen Tröge brauchen nämlich die Gastwirte dortzulande, wenn
sie für Hochzeiten, Kirchweihen und andere Festlichkeiten Brot oder
Kuchen backen wollen. Was er träumend für ein in dem schwarzen Schlamm
liegendes Brett gehalten, war der Trogdeckel gewesen, und als dieser
schließlich aus seiner wagerechten Lage wich und umkippte, war der
Träumer samt seinem Wanderbündel in den weißen, gärenden Brotteig
hinabgeglitten.
Ehe noch Andreas seine Badewanne mit wachenden Augen gründlich
beschaut hatte, war er auch schon mit einem Sprunge heraus. Aber
was nun anfangen? Hätte er Lärm geschlagen, so würde der Zorn des
Wirts, dem er das Hochzeitsbrot verdorben hatte, und der Spott der
Fuhrleute, Dienstboten und Kinder haufenweise über ihn gekommen sein.
Er beschloß also, wie der Iltis aus dem Taubenschlag ohne Abschiedsgruß
davonzugehen, schüttelte sich, daß die Teigflocken weit umherflogen,
nahm Hut, Stock und Ranzen und ging durchs Fenster wieder hin, wo
er hergekommen war. Dabei lief er, was er nur konnte, um noch vor
Tagesanbruch zu seiner Mutter zu gelangen, und schwitzen tat er unter
seinem Überzuge wie ein Schinken, der, mit Teig umwickelt, im Backofen
schmort.
Seine Mutter hatte indessen auch nur wenig geschlafen, denn ihre
Hoffnung auf die baldige Wiederkehr ihres Sohnes war doch allmählich
etwas gesunken. So trat sie denn, als der Morgen graute, unter die
Haustür und sah den Wiesengrund hinab, der fast bis an den Mönchswald
vor ihr lag. Und es währte auch nicht lange, so erblickte sie
eine weiße Gestalt, die von unten heraufkam und einem Müller- oder
Bäckergesellen glich, bis sie endlich in dem wandelnden Teig ihren
Andreas erkannte.
Ob sie bei seinem Einzug mehr Freude oder mehr Erstaunen zeigte, war
schwer zu unterscheiden. Auch hielt sich Andreas nicht lange bei dieser
Frage auf, sondern schlüpfte aus Furcht, von den Nachbarn gesehen zu
werden, so schnell wie möglich unter Dach und Fach.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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