Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Er hat sich nämlich schnell besonnen, daß auf dem Tisch neben seinem
Bett eine Flasche Selterwasser steht, fest zugekorkt und oben noch mit
dem Draht darum. Schnell hat er den Draht abgenommen und hält nun den
Daumen auf den Kork, stellt sich hinter den Fenstervorhang und wartet
ab.
Eben steckt der Dieb seinen Kopf durch die Scheibe und denkt: »Wo der
durchgeht, geht auch der ganze Leib nach!« Da drückt der alte Herr an
dem Kork der Flasche, die er vorher noch tüchtig geschüttelt hat: es
knallt wie eine Pistole, und der Kork mitsamt dem Selterwasser fährt
dem Langfingrigen auf die Stirn und ins Gesicht. Der glaubt nicht
anders, als daß er zum Tode getroffen sei und das Blut ihm bereits
übers Gesicht laufe, biegt sich vor Schrecken vom Fenster zurück und
stürzt dann von der Leiter in den mehrere Fuß tiefer liegenden Hof
hinab.
Nun wußte aber der alte Kapitän aus seinem Seeleben, daß man einem
geschlagenen Feinde keine Ruhe gönnen darf. Er stieg deshalb sofort dem
Einbrecher nach, der noch betäubt am Boden lag, und band ihm den Hals
mit seinem langen Schnupftuch von echter chinesischer Seide so fest
zu, als ob’s ein Halseisen wäre. Und da der Dieb auch glücklicherweise
einen derben Strick mitgebracht hatte, womit er wohl die gestohlenen
Sachen zusammenschnüren wollte, so brauchte der Kapitän diesen, um
ihm auch noch die Hände auf dem Rücken festzubinden. Darauf machte er
seinen alten Tyras von der Kette los und brachte mit dessen Beistand
den Übeltäter noch in derselben Nacht hinein auf das Haarlemer
Polizeiamt.
[Illustration: /Wie man Diebe fängt./]
Dafür bekam er denn auch vom König von Holland ein ganz besonderes
Dankschreiben, daß er einen so gefährlichen Spitzbuben eigenhändig
eingefangen und abgeliefert hatte.
Merke drum: Das Selterwasser ist ein gut Wässerlein, und zwar nicht
bloß gegen den Durst und allerhand Krankheiten, sondern auch, um Diebe
damit zu fangen!
/Emil Frommel./
Die Grenzfichte.
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hausten in der Nähe eines
süddeutschen Dorfes zwei große Bauern, der Dohlenhamer und der
Ermansperger, jener im Tal, dieser auf der Höhe. Sie lebten zwar in
keiner tödlichen Feindschaft miteinander, allein sie hatten doch einen
eigentümlichen Streit unter sich, der nicht enden zu wollen schien.
Gerade auf der Grenze nämlich, wo ihre Ländereien zusammenstießen,
erhob sich eine tausendästige, dunkle Riesenfichte, die gewiß schon
einer der Urgroßväter gepflanzt hatte, und die im Laufe der Zeit zum
Gegenstand des Streites zwischen den beiden Großhöfen geworden war.
Noch immer stand sie von Axt und Säge unversehrt da, denn je mehr sie
wuchs, desto weniger war der eine der nunmehrigen Großbauern geneigt,
den prächtigen Bretterbaum mit dem andern gemeinsam zu fällen und
redlich zu teilen; im Gegenteil, jeder behauptete steif und fest, die
Fichte stehe auf seinem Grund und Boden und gehöre ihm allein zu eigen.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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