Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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So vernünftig waren die beiden Bauern allerdings gewesen, daß sie nicht
gleich Advokaten annahmen und denen zusammen zwanzigmal mehr zahlten,
als die ganze Grenzfichte wert war. Allein tief drinnen im Herzen
schlug dennoch einem jeden der großbäuerliche Stolz und Neid.
Wenn der Dohlenhamer nun einmal Hilfe im Hause brauchte, so ging er
beileibe nicht zu seinem nächsten Nachbar, dem Ermansperger, sondern
eine schöne Strecke weiter fort, und der Ermansperger machte es
seinerseits ebenso. Natürlich herrschte die gleiche Kälte auch zwischen
ihren Weibern und Kindern, ihren Mägden und Knechten, ihren Vettern und
Basen, -- ja sogar die Hofhunde hatten zuletzt den Groll in den Nasen
und knurrten aufeinander!
Brave Männer versuchten oftmals, die starren Streithänse auszusöhnen,
aber vergebens. »Gehört mir doch die Fichte allein!« sagte jedesmal der
Dohlenhamer mit stechenden Augen und verbissenen Lippen. Aber ebenso
sprach auch der Ermansperger. So wurden denn die Friedenstifter ihrer
Liebesdienste endlich müde.
Obgleich die beiden Hartnäckigen, wie gesagt, nicht im Dorf wohnten, so
zog ihr Streit doch immer weitere Kreise, bis zuletzt auch mancher mit
hineingeriet, der es gern vermieden hätte. So ging es einst dem derben
Hufschmied, und als er sich nicht mehr zu helfen wußte, brach er in
die zornigen Worte aus: »Wenn doch nur einmal das Donnerwetter in die
vermaledeite Grenzfichte schlüge!«
Aber Jahr um Jahr verging. Ein Gewitter nach dem andern zog wie sonst
ohne Blitzschlag über Dorf und Höhe dahin, und die herrliche Fichte
streckte ihre Äste immer höher, immer breiter aus.
Nun schrieb man das Jahr 1845. Das Gesinde der beiden Großhöfe war auf
den anstoßenden Feldern mit dem Binden der Erntegarben beschäftigt.
Die feindlichen Bauern selbst standen beaufsichtigend unter ihren
Leuten. Von Zeit zu Zeit warfen sie, der Dohlenhamer von rechts, der
Ermansperger von links, einen begehrlichen Blick hinauf zur Fichte und
dann eine finster grollende Miene hinüber zum Nachbarn. Das Gesinde
merkte es und blinzelte mit händellüsternen Gesichtern; zugleich aber
beeilten sich alle unter dem kalten, scharfen Blick ihrer Herren, denn
aus Nordwest zogen über das wellige Gebirge rabenschwarze Wetterwolken
heran.
Schon standen die Weizengarben in Reih’ und Glied aufgerichtet. »So!
Jetzt heim! Geschwind!« befahl hüben der Ermansperger und drüben der
Dohlenhamer. Aber wie man sich anschickte, das Feld zu verlassen
und das schützende Dach zu gewinnen, fegte schon mit unheimlichem
Sausen eine schwefelgelbe Wolke über ihren Häuptern dahin. Ein
jäher Blitzstrahl, ein Donnerkrach, als hätten Riesenfäuste tausend
Planken mit einem Male entzweigebrochen, und -- von der verwünschten
Grenzfichte lag die rechte Hälfte auf dem Felde des Dohlenhamer und
die linke auf dem des Ermansperger. Vom Gipfel bis zur Wurzel war sie
unparteiisch gespalten und geteilt.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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