Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
Der Schmied war starr vor Entsetzen. Es war, als ob der Lärm durch alle
Lücken des Hauses hereindränge und an allen Türen rüttelte, als ob
gräßliche Stimmen durch die Esse herabriefen. Da, mit einem Schlage,
hörte alles auf, es ward eine Weile totenstill, aber gleich darauf
erscholl vom Hoftor her ein lautes, ungestümes Pochen und der herrische
Ruf: ‚Auf da! Mach’ auf!‘
Der Schmied sprang von seinem Lager, eilte ans Tor und schob die
schweren Riegel zurück. Da erblickte er beim ungewissen Widerschein des
Schnees eine stolze, hochragende männliche Gestalt in weitem, wehendem
Mantel und breitem Schlapphut, und neben der Gestalt einen riesigen
Schimmel.
‚Mein Gaul hat ein Eisen gebrochen beim schnellen Ritt,‘ redete ihn
der nächtliche Reiter mit tiefdröhnender Stimme an, ‚und du sollst ihn
mir frisch beschlagen. Aber spute dich, denn mein Weg ist noch weit!‘
Damit nahm er den Schimmel beim Kopf und führte ihn in den Hof vor die
Schmiede.
Nun begann der Schmied seinen Vorrat von Hufeisen von den Pflöcken
herabzunehmen, aber alle erwiesen sich als viel zu klein.
‚Nimm dein Werkzeug und schmiede mir ein neues!‘ rief der Reiter
ungeduldig. ‚Wie du es schmiedest, wird’s recht.‘
Schweigend machte sich der Schmied an die Arbeit, schürte das Feuer,
fachte es mit dem großen Blasbalg aus Bockshaut an und schmiedete drauf
los, daß die Funken weit umherstoben: das Hufeisen paßte wie angegossen.
‚Du bist ein wackerer Meister mit dem Hammer,‘ sagte der fremde Reiter,
als der Schmied das Eisen heiß aufgenagelt hatte, ‚aber ein unweiser
Mann. Weshalb fragst du nicht?‘
‚Herr,‘ entgegnete der Schmied demütig, ‚meine Väter haben mich gelehrt,
daß es weise sei, bei der Arbeit zu schweigen und vorlaute Fragen zu
meiden, denn dieses sei die Art der Weiber. Da Ihr mir aber eine Frage
freistellt, so sagt mir, woher Ihr kommt zu so ungewohnter Stunde, und
wohin Eure Fahrt geht!‘
‚Ich komme heint von der Friesen Strand
Und fahre stracks ins Böhmerland!‘
erwiderte der Reiter. ‚Bis gestern bin ich auf Schiffen gewesen; nun
muß ich mich wieder ans Roß gewöhnen.‘
‚Wer seid Ihr, Herr?‘ war des Schmieds zweite und erstaunte Frage.
‚Der schnellste Renner würde ja zu diesem Ritt mehr als sieben Tage
brauchen!‘
Der Reiter lachte. Er warf dem Schmied das alte, zerbrochene Hufeisen
hin, sprang auf den Rücken seines Schimmels und rief: ‚Da hast du
deinen Lohn! Und damit du weißt, wessen Roß du beschlagen: ich bin der
Wode, der mächtige Führer des Geisterheeres, und brause in Sturm und
Wetter über See und Land, wo man Schlachten schlägt, und wo Männer
fallen auf dröhnender Walstatt!‘ Bei diesen Worten hufte sein Roß,
sprang über die sieben Ellen hohe Hofmauer und verschwand in der
dunklen Nacht.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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