Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
Am Ende des Gartens befand sich auf einer kleinen Erhöhung eine
mächtige Lindenlaube, die sich auf den stillen, von Schilf und Weiden
umkränzten See öffnete, und dort saß ich eines schönen Abends im
August in heiterem Gespräch mit dem alten Herrn, der an jenem Tage
besonders aufgeräumt war. Vor uns auf dem Tische stand eine mächtige
Schale mit köstlichen Pfirsichen, Reineclauden und Aprikosen, in den
Gläsern schimmerte eine vorzügliche Sorte von Rheinwein, und ringsum
ertönte in den stillen Abend hinein das fröhliche Getöse spielender
Kinder, der Enkel und Enkelinnen meines Gastfreundes. Unter diesen war
ein zwölfjähriger Junge, der sich durch große körperliche Gewandtheit
auszeichnete. Plötzlich hörten wir dessen Stimme aus dem Wipfel
eines Baumes, der seine Zweige wagerecht nach dem Ufer des Sees
hinausstreckte. »Großvater!« rief der Junge, »nun passe mal auf, wie
ich es jetzt schon gut kann!«
Damit war er auf einen der wagerechten Zweige hinausgerutscht und hing
plötzlich an den Knien daran, mit dem Kopfe nach unten. Zu meinem
Schreck ließ er sich dann los, griff aber geschickt in das Laub des
unteren Zweiges, daß sein Körper im Fallen sich wendete und der Kopf
wieder nach oben kam, und so von Ast zu Ast rutschend und stürzend
gelangte er, indem er rechtzeitig seinen Fall durch wiederholtes
Eingreifen in die Zweige milderte, glücklich unten an.
»Gut, mein Sohn,« rief Herr Lindow, »kannst mal herkommen!« Nachdem er
den Knaben für seine Leistung reichlich mit Obst belohnt hatte, wandte
er sich zu mir und sagte: »Eine alte Familienkunst, die ich schon von
meinem Vater gelernt habe, und die hoch in Ehren gehalten wird, seitdem
sie mir einmal einen so großen Dienst geleistet hat.«
»Welcher Art war dieser Dienst?« fragte ich etwas verwundert.
Der Doktor lehnte sich in seinen Gartenstuhl zurück und sah sinnend vor
sich hin wie einer, der sich eine Geschichte im Geiste zurechtlegt,
und sagte dann: »Sie wissen doch, daß ich als Student zu zehnjähriger
Festungshaft verurteilt worden bin?«
»Ja, gewiß!« antwortete ich. »Damals, als auch Fritz Reuter zu dieser
Strafe verdammt wurde, und aus denselben Gründen.«
»Gewiß,« fuhr Lindow fort, »allein ich hatte es in einer Hinsicht
besser als Reuter, da ich meine Zeit in der einzigen kleinen Festung
meines engeren Vaterlandes absitzen durfte, wo ich es verhältnismäßig
gut hatte. Diese war nun eigentlich gar keine Festung mehr, denn die
Außenwerke hatte man längst geschleift, und nur ein auf einem steilen
Felsen gelegenes Kastell war übriggeblieben, welches dann und wann als
Gefängnis benutzt wurde. Dort hatte ich ein ganz wohnliches Zimmer,
allerdings mit schwerer, eisenbeschlagener Tür und einem tief in die
dicke Mauer eingeschnittenen, stark vergitterten Fenster.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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