Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
Ich war der einzige Festungsgefangene dort, denn mehr dergleichen
politische Verbrecher hatte das kleine Fürstentum nicht hervorgebracht,
und man ließ mir am Tage ziemlich viel Freiheit, doch wurde ich nachts
sorglich eingeschlossen. Wie sollte ich auch entkommen? An drei Seiten
fiel der Felsen wohl an die hundert Fuß steil ab, und an der vierten,
wo sich zwar ein Weg ins Tal hinabschlängelte, war mir der Ausgang
durch hohe Mauern und mächtige Tore mit Schildwachen davor genügend
versperrt.
Über Mangel an Aussicht konnte ich mich an diesem Orte freilich nicht
beklagen, denn der Felsen war ein letzter Ausläufer des am Horizonte
dämmernden Gebirges und lag als einzige wesentliche Erhöhung in einer
sanft gewellten Ebene. Aber nichts ist wohl geeigneter, die Sehnsucht
nach der Freiheit zu verschärfen, als ihr steter, ungehinderter
Anblick. Und an schönen Sommersonntagen wurde diese Sehnsucht fast zum
körperlichen Schmerz in mir, denn an solchen krabbelten auf allen Wegen
die Menschen aus dem Städtchen hervor in die freie Natur, wie Ameisen
aus ihrem Haufen. Auf der Landstraße rollten Wagen und schritten
leichtfüßige Wanderer den blauen Bergen zu. Von den Gasthäusern vor
dem Tore wehten Fahnen, während aus dem Grün der Landschaft farbige
Mädchenkleider und helle Strohhüte hervorschimmerten und bald von hier,
bald von dort eine Tanzmusik oder das Rollen von Kegelkugeln zu mir
heraufschallte. Dann kamen auch wohl leichtgeflügelte Schmetterlinge
aus der Tiefe emporgeflattert, glätteten ihre Flügel ein wenig auf dem
durchsonnten Rasen des Walles und taumelten dann sorglos weiter in die
Freiheit. Die Schwalben, die sich um das alte Gemäuer des Kastells
jagten, schossen dicht über mich hin und riefen wie zum Hohne: ‚Komm
mit, komm mit!‘
Als nun dies alles wieder einmal an einem gewissen Sommersonntag
geschah, da glaubte ich’s nicht mehr ertragen zu können und begab mich
auf die entgegengesetzte Seite des Felsens, wo mir der Anblick der
Stadt und das fröhliche Getümmel um sie her gänzlich entzogen war.
Hier strömte aus der weiten Heidefläche ein Fluß dicht an die eine
Wand des Felsens heran und bildete mit diesem einen Winkel, in welchem
ich gerade unter mir den großen Garten eines wohlhabenden Fabrikanten
sah, und etwas weiter entfernt dessen Landhaus. Deutlich wie eine gut
gezeichnete Landkarte lag der Garten mit seinen sauberen Steigen,
Rasenflächen und Gebüschgruppen unter mir, aber auch ebenso leblos wie
eine Landkarte war er meist, denn außer einem alten Gärtner, der sich
dort zu tun machte, und seiner ebenso alten Frau hatte ich noch niemals
einen Menschen darin gesehen.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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