Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
So saß ich nun dort an jenem Sonntagnachmittag, ließ meine Beine über
den Rand des Felsens baumeln und schaute abwechselnd in die saubere
grüne Einsamkeit zu meinen Füßen und dann über den Fluß hinweg auf die
eintönige Heide. Da überkam mich mit einemmal ein Gedanke, der mein
Gehirn mit einem solchen Rausch erfüllte, daß ich mich zurücklehnte
und meine Hände in das Gras klammerte aus Furcht, von einem Schwindel
ergriffen zu werden und plötzlich hinabzustürzen.
Es stand nämlich in dem letzten Winkel des Gartens ein uralter
Lindenbaum, und zwar so nahe an dem Felsen, daß seine Zweige diesen
fast berührten. Seine ungeheure grüne Kuppel wogte gerade unter mir,
die Entfernung konnte nicht mehr als zwanzig Fuß betragen. Sonderbar,
daß mir dies bisher nie so aufgefallen war wie jetzt! Wenn ich in den
Baum hineinsprang, war ich ja so gut wie unten. Es hatte auch gar keine
Gefahr, denn die dichtbelaubten, elastischen Zweige würden mich sanft
aufnehmen und den Sturz mildern, und dann: wie oft hatte ich mich nicht
als Knabe so von Zweig zu Zweig absichtlich aus Bäumen fallen lassen!
Das war eine Kunst, die gefährlicher aussah, als sie war, und mir schon
oftmals den Beifall erstaunter Zuschauer eingebracht hatte. Wenn ich
das hier ausführte, konnte ich ja in ein paar Sekunden unten sein. Und
dann war ich frei!
Aber wie lange? Ich war ohne Mittel, denn genügendes Geld bekam ich als
Gefangener natürlich nicht in die Hände, und obwohl die Landesgrenze
nicht allzuweit entfernt war, so wäre mir die Flucht doch wohl nur
in einem bereitstehenden Wagen mit schnellen Pferden gelungen. Auch
fehlten mir Legitimationspapiere, und diese waren höchst nötig, um mich
an der Grenze auszuweisen. Woher dies alles nehmen?
Doch diese Gedanken kamen mir alle erst später bei ruhiger Überlegung;
zunächst berauschte mich der Gedanke, wie leicht ich entkommen konnte,
wenn ich wollte, so sehr, daß ich förmlich in ihm schwelgte. Falls
ich dort hinabsprang und mich von Zweig zu Zweig stürzen ließ, war
Gefahr nur dann vorhanden, wenn sich zu große Lücken zwischen den Ästen
fanden, oder wenn diese in bedeutender Höhe vom Boden aufhörten. Ich
suchte mir einen anderen Ort auf dem Felsen, legte mich dort auf den
Bauch und betrachtete die Linde ans größerer Entfernung von der Seite.
Sie war so normal gewachsen, wie dies für einen Musterbaum ihrer Art
nur möglich ist, die grüne Kuppel zeigte keinerlei Unterbrechung, und
die untersten Zweige hingen bis auf den Boden hinab.
Plötzlich ertönten stramme, taktmäßige Tritte und riefen mich aus
meinen Gedanken zurück. Der Posten, der in dieser Gegend stand, ward
abgelöst, und es schien mir klug, mich zu zeigen, da man sonst wohl
nach mir geforscht hätte. Ich ging deshalb schnell hinter den Wällen
herum und kam, scheinbar gelangweilt, an einer anderen Stelle wieder
zum Vorschein, setzte mich auf eine alte Kanone und schaute wieder auf
die Stadt und das fröhliche Treiben der Landstraßen hin.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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