Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Im Geiste aber war ich bei meinem alten Lindenbaum. Ich stand am Rande
des Felsens und suchte mit dem Fuße nach einem sicheren Absprung. Nun
war es so weit. Los! Mich schauderte zwar ein wenig, aber es mußte
sein. Wie mir das grüne Laubwerk um die Ohren sauste! Ich war gerade
richtig gesprungen, der Ast gab mächtig nach, aber er brach nicht. Ich
ließ ihn nicht los, bis er sich tief auf den nächsten gebeugt hatte,
und dann rauschte und rutschte ich durch die knickenden kleineren
Zweige tiefer und tiefer von einem Aste zum anderen und schnell war ich
unten. Jetzt hinab an den Fluß und durch die seichten Sommergewässer
an das andere Ufer! Hier das kleine Kieferngehölz verbarg mich
einstweilen. Aber ich mußte weiter, -- weiter über freie Räume, wo ich
fernhin sichtbar war. Nur immer vorwärts der Grenze zu! Vielleicht
bemerkte mich doch niemand. Ein Flüchtling muß Glück haben. Da: ‚Bum!‘
Was war das? Ein Alarmschuß von der Festung! Nun ging die Hetzjagd an.
So sehr hatte ich mich in diese Gedanken vertieft, daß es mich wie
eine Erleichterung überkam, als ich mir plötzlich klarmachte, daß
ich ja noch kein gehetztes Wild war, sondern ganz gemächlich am
Sonntagnachmittag auf einer alten Kanone saß und bloß spintisierte.
Von nun ab ließ mich der Fluchtgedanke aber nicht mehr los, und sooft
ich es nur ohne Aufsehen zu tun vermochte, studierte ich meinen
alten Lindenbaum, bis ich ihn zuletzt fast auswendig konnte. Den
verhängnisvollen Sprung habe ich im Geiste so oft gemacht, daß es nicht
zu zählen ist. Dabei zermarterte ich mich mit Grübeleien, wie ich mir
Geld und alles sonst zur Flucht Nötige verschaffen möchte, verwarf
einen Plan nach dem anderen und kam zu keinem Ende damit. Denn alles
hing davon ab, daß ich Briefe sicher aus der Festung beförderte, und
ich fand niemand, dem ich mich hätte anvertrauen mögen.
Indes war die Zeit der Sommerferien für die Schulkinder gekommen,
und als ich eines Tages wieder in den sonst so verlassenen Garten
des Landhauses hinabschaute, bemerkte ich dort eine wundervolle
Veränderung. Was mir an weiblichen Wesen auf der Festung zu Gesicht
kam, war nicht dazu angetan, mich zu verwöhnen, denn es gehörte zu der
Gattung der Regimentsmegären und Scheuerdrachen; deshalb erschien mir
wohl das junge, etwa siebzehnjährige Mädchen dort unten wie ein Wunder
von Schönheit und lieblicher Bildung, und es erfüllte mich etwas wie
Dankbarkeit gegen den Schöpfer, der solche wohlgerundete Anmut mit
leichter Meisterhand in die Welt gestellt hatte.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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