Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
Mit fieberhafter Spannung wartete ich am anderen Tage darauf, daß
die Schöne wieder im Garten erschiene, doch vergebens: alles blieb
leer. Nur der Knabe tollte eine Weile dort herum und übte sich mit
langen, schlanken Gerten, die er als Wurfspieße benutzte. Endlich, am
Nachmittag, sah ich das helle Kleid aus dem Grün hervorleuchten. Das
Mädchen ging langsam durch den Garten und verschwand unter dem alten
Lindenbaum. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie wieder zum Vorschein kam,
nun aber wandelte sie auf dem Steige unter mir hin. Jetzt galt es. Ich
räusperte mich, so laut ich konnte, und sobald sie aufblickte, zeigte
ich meinen mit einem Steine beschwerten Brief. Als sie verwundert und
etwas verwirrt wegsah, warf ich ihn hinab. Er fiel ihr gerade vor die
Füße, und ich bemerkte, wie sie erschrak und im ersten Augenblick
weiterging, ohne ihn aufzunehmen. Dann besann sie sich, kehrte um,
hob das Papier auf und ging damit unter den Lindenbaum zurück. Nach
einer Weile kam sie wieder hervor und schritt, mir den Rücken wendend,
langsam auf das Haus zu. Wie im Krampfe zog sich mein Herz zusammen,
als sie so, ohne ein Zeichen zu geben, davonging. Doch da! Plötzlich
blieb sie stehen und ließ flüchtig den Blick zu mir heraufgleiten. Dann
wendete sie sich wieder ab, nickte dreimal eindringlich mit dem Kopf
und lief eilig dem Hause zu.
Beinahe hätte ich laut aufgejauchzt, als ich dies bemerkte, und den
ganzen Abend hatte ich die größte Not, die außerordentliche Heiterkeit
zu unterdrücken, die mich erfüllte.
Am anderen Tage ging alles gut. Der Knabe kam und schoß mit seinen
Rohrpfeilen wie zur Übung an dem Felsen in die Höhe. Dann nahm er einen
anderen Pfeil, zielte sorgfältig und schoß ihn zu mir empor. Es war
zu kurz: ich sah den leichten Boten bis dicht an meine Hand steigen
und dann wieder zurücksinken. Das zweite Mal aber gelang es; ich löste
schnell den kleinen, schmalen Zettel ab und warf den Pfeil wieder
hinunter.
Sie schrieb: ‚Ich will alles tun, was ich kann. Mein Onkel will mir
dabei helfen. Sie dürfen ihm vertrauen, wie auch meinem Bruder Paul,
der alles weiß und stolz auf dies Geheimnis ist. Haben Sie guten Mut!
In vierzehn Tagen kann alles bereit sein.‘
Diesen kleinen Zettel drückte ich an meine Lippen, las ihn wohl
hundertmal und bewahrte ihn als meinen größten Schatz.
Über die nächsten vierzehn Tage will ich kurz hinweggehen. Genug,
die Stunde war da, wo alles bereit war, und zwar sollte die Flucht
am hellen Mittage stattfinden. Das Glück begünstigte mich in jeder
Hinsicht. Am Vormittage stieg ein Gewitter auf; über der Heide stand
eine blauschwarze Wolkenwand, in der die Blitze zuckten, und der Donner
ertönte lauter und lauter.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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