Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises — John Shaqi
Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
German language -- Readers
Einige Minuten nach zwölf stand ich an dem Rande des Felsens und
wartete auf den nächsten Donner, der das Geräusch meines Sturzes
übertäuben sollte. Da zuckte ein greller Blitz auf. ‚Eins, zwei, drei,
vier, fünf, sechs, sieben, acht...‘ zählte ich unwillkürlich, und dann
knatterte und rollte es mächtig in den Wolken. ‚In Gottes Namen!‘ sagte
ich innerlich und sprang zu.
Wie ich hinuntergekommen bin, weiß ich noch heute nicht. Es donnerte,
rauschte und sauste mir um die Ohren, Zweige schlugen mir ins Gesicht,
und mit einem Male hatte ich Boden unter den Füßen. Ich eilte schnell
durch Laubengänge, die mich den Blicken verbargen, dem Ausgange zu.
Wie oft hatte ich diesen Weg schon im Geiste gemacht! Da, in der Nähe
des geöffneten Gartentores stand, von Buschwerk gedeckt, eine helle
Gestalt. Sie war es. In überschwellender Dankbarkeit streckte ich ihr
beide Hände entgegen, und da Worte unsere Empfindungen nicht ausdrücken
konnten, so küßten wir uns, als könne es gar nicht anders sein. Aber
sie drängte mich bald von sich: ‚Schnell, schnell,‘ rief sie, ‚und
reisen Sie glücklich!‘ O Wonne und Qual, in der Nußschale eines kurzen
Augenblicks vereinigt!
Doch ich mußte weiter. Auf der Straße sah ich den Knaben Paul, dem ich
in einiger Entfernung folgen sollte. Er führte mich zu einem kleinen
Gehölz in der Nähe, wo eine Kutsche mit zwei schönen Pferden hielt. Ein
ältlicher Mann, der dabeistand, schob mich hinein und rief mir zu: ‚Im
Wagenkasten ist ein neuer Anzug und was Sie sonst noch brauchen, in der
Seitentasche Geld und Papiere. Reisen Sie mit Gott!‘ Ich wollte ihm
danken, allein die Pferde zogen an, und fort ging’s in Sturm und Regen
und rollendem Donner, was die Gäule laufen konnten.
Nun, ich kam nach allerlei kleinen Abenteuern über die Grenze und
weiter und war frei. Frei und doch wieder gefangen, denn den Kuß am
Gartentor vergaß ich mein lebelang nicht.«
Mit diesen Worten schien Herr Lindow seine Erzählung beenden zu
wollen. Da aber trat Frau Lindow zu uns heran, die schon eine Weile bei
einigen Gemüsebeeten in unserer Nähe beschäftigt gewesen war. »Nun,«
fragte sie, »was erzählst du denn da wieder für eine lange Geschichte?«
»Oh,« antwortete er ihr in scheinbar gleichgültigem Tone, »es ist die
Geschichte von dem berühmten Kuß am Gartentor!«
»Ach du!« sagte Frau Lindow. »Ja, das kommt davon, wenn man sich mit
Verbrechern einläßt.«
Mir ging plötzlich ein Licht auf, entzündet an dem schimmernden Glanze
der Augen, mit dem die beiden alten Leute einander ansahen.
»Alte,« rief der Doktor, »denkst du daran, daß es jetzt gerade vierzig
Jahre sind seit jenem verhängnisvollen Kuß? Komm, laß uns anstoßen auf
ein glückliches Alter!«
Wir erhoben uns, und die Gläser klangen aneinander. Dann küßten die
beiden Alten sich, und ein Abglanz wie von ewiger Jugend verklärte ihre
glücklichen Gesichter.
/Heinrich Seidel./
Übungen.
~These exercises can be used for either oral or written drill.~
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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