Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
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Als der Arzt in das Schlafzimmer des Königs trat, sah er zwei Gestalten
an dessen Lager stehen, zu Häupten die schöne, weinende Königstochter,
zu Füßen den kalten Tod. Und die Königstochter bat ihn gar rührend,
den geliebten Vater zu retten, aber die Gestalt des finsteren Paten
wollte nicht von der Stelle weichen. Da sann der Doktor auf eine List.
Er ließ die Diener das Bett des Königs schnell umdrehen und gab ihm
geschwind einen Tropfen von dem Heilkraut, so daß der Tod betrogen
war und der König gerettet. Der Tod aber verließ das Zimmer, indem er
drohend den langen, knöchernen Zeigefinger gegen seinen Paten erhob.
Dieser hatte aber die reizende Prinzessin liebgewonnen, und auch
sie schenkte ihm ihr Herz aus inniger Dankbarkeit. Aber bald darauf
erkrankte sie schwer, und der König versprach, wer sie gesund mache,
der solle sie zur Frau haben und nach ihm König werden. Da eilte
der Jüngling zu der Kranken, sah aber zu ihren Füßen stehen -- den
Tod. Noch einmal übte er dieselbe List wie bei dem König, so daß die
Prinzessin wiederauflebte und ihn dankbar anlächelte.
Aber der Tod warf einen tödlichen Haß auf den Jüngling, faßte ihn
mit eiserner, eiskalter Hand und führte ihn hinweg in eine weite,
unterirdische Höhle. In dieser brannten viel taufend Kerzen, große und
kleine. Einige hatten gerade angefangen zu brennen, andere wollten
schon ausgehen.
»Sieh nun,« sprach der Tod zu seinem Paten, »hier brennt eines jeden
Menschen Lebenslicht. Die ganz großen sind die Kinder, die halbgroßen
die Leute, welche in den besten Jahren stehen, und die kleinen die
Alten; aber auch das Licht eines Kindes brennt oft früh aus.«
»Zeige mir doch meines!« bat der Arzt den Tod, und dieser zeigte auf
ein ganz kleines Stümpfchen, welches schon auszugehen drohte. »Ach,
liebster Pate, erneuere es mir doch, damit ich meine schöne Braut,
die Königstochter, heiraten und König werden kann!« »Das geht nicht«,
versetzte der Tod kalt. »Erst muß ein Licht ganz ausbrennen, ehe ein
neues angesteckt wird.«
»Dann setze doch gleich das alte auf ein neues!« bat der Jüngling.
»Wohlan, das will ich tun«, erwiderte der Tod, nahm ein langes Licht
und tat, als ob er ihm das Stümpfchen aufstecken wollte. Dabei aber
stieß er mit Willen das kleine um, so daß es ausging. In demselben
Augenblick fiel der Arzt um und war tot.
Wider den Tod ist nämlich kein Kraut gewachsen.
/Ludwig Bechstein./
Der Schmied von Jüterbog.
Im Städtchen Jüterbog hat einmal ein Schmied namens Peter gelebt, von
dem erzählen die Alten den Jungen noch heutzutage ein seltsames Märchen.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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